Champions League bei SF: Charme einer Vollnarkose

Auf internationalem Niveau hat der Schweizer Fussball keine Chance. Die Berichterstattung des SF auch nicht – wie der Saisonauftakt der Champions League zeigte.

Philippe Zweifel@delabass

Wenn Schweizer Fussball-Mannschaften nicht gerade gegen deutsche Teams spielen, ist man aufs SF angewiesen. So zum Beispiel gestern, als der FC Basel Schachtior Donezk mit 1:2 unterlag. Moderiert wurde die Partie von Beni Thurnheer. Dem altgedienten Kommentator wird bisweilen Senilität vorgeworfen; weil er Spieler verwechselte, ritt der der Blick schon eine üble Kampagne («Blackout-Beni») gegen ihn.

Aussetzer verzeichnete Thurnheer gestern keine. Die eine oder andere windschiefe Metapher schlich sich freilich ein («Da weht eine Wolke der Erinnerung an uns vorbei»). Lästiger war, dass er, statt das Spiel zu erklären, lapidar beschrieb, was gerade auf dem Rasen passierte. Und wo deutsche Kommentatoren jeweils mit Wechseln des Tonfalls Spannung erzeugen, plapperte der Schweizer fröhlich drauflos.

«Dick und Doof»

Vor und nach der Partie moderierte Rainer Maria Salzgeber, sichtlich angetan von seinen Experten Gilbert Gress und Andy Egli. Die beiden sind ein eingespieltes Duo, das sich in «Dick und Doof»-Manier, ergänzt. Hier der ausschweifende Franzose, der am liebsten von den eigenen Erfolgen spricht. Dort der nüchterne Zürcher, stets um eine faire Haltung bemüht. Die Analysen der beiden sind zwar wenig überraschend, doch ihre minutenlangen Wett-Tipps zu den Spielen des Abends haben Kultpotenzial.

Bereits jetzt Kult sind die Zusammenfassungen der restlichen Champions-League-Partien nach der Liveübertragung. Am Tonfall des Kommentars weiss man schon in der Mitte des Beitrags, wie das Spiel ausgeht. Eine weitere Krankheit, die unter SF-Kommentatoren weit verbreitet ist: Sie verraten den Sieger einer Partie während der Zusammenfassung – und kommentieren das Spiel gelangweilt zu Ende, auch bei einem 0:0.

Schwäche fürs Pathos

Kurzum, die Zusammenfassungen – eigentlich ein Highlight eines Champions-League-Abends – verströmen den Charme einer Vollnarkose. Obendrein wird Phrasenkunst in Perfektion vorexerziert. «Ein Tor auswärts ist die halbe Miete», «aufpassen, dass man nicht in einen Konter läuft» oder «unnötige Fouls» kommen garantiert in jedem Bericht vor.

Es ist die Tragikomik vieler Schweizer Sportberichterstatter. Obwohl sie sich für ziemlich coole Hunde halten, ist genau das Gegenteil der Fall: Sie stehen mit der Sprache auf Kriegsfuss und haben eine Schwäche fürs Pathos. Diese Mischung aus Überforderung und Selbstüberschätzung macht sie ebenso lächerlich wie liebenswert – auch das haben sie mit den Schweizer Fussballprofis gemeinsam.

baz.ch/Newsnet

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