Schiri, du kannst nach Hause gehen

SRF-Experte Carlo Bertolini ist: überflüssig.

Über Offensichtliches reden: Bertolini, hier als Schiedsrichter in Aktion. (12. Dezember 2010)

Über Offensichtliches reden: Bertolini, hier als Schiedsrichter in Aktion. (12. Dezember 2010)

(Bild: Keystone/Montage TA)

Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Was den Fussball ausmacht? Seltsame Frage! Die spanischen Pässe natürlich. Die italienische Taktik. Die deutsche Technik. Genieschüsse à la Shaqiri und isländische Emotionen, Torreigen und Sturmläufe.

Bei SRF 2 scheint man das etwas anders zu sehen. Nach dramatischen Spielen kommt jeweils der harte Bruch – dann, wenn Carlo Bertolini das Mikrofon übernimmt. Sicher, der Tessiner ist ein heiterer Typ und redet mit sympathischem Akzent. Doch wer braucht seine Analysen? Die Einsicht, dass man für das taktische Foul in der 65. Minute Gelb geben konnte – oder auch nicht? Die Bestätigung, dass nach der Blutgrätsche völlig zu Recht Penalty gepfiffen wurde?

Warum der frühere Chef der Schweizer Schiedsrichter in den EM-Talks eine Hauptrolle spielen darf, ist ein Rätsel. Wohl sollte die Viererrunde unbedingt mit einem Nicht-Kicker und Nicht-Trainer bestückt werden. Vielleicht hat es auch mit der Wertschätzung des Unparteiischen an sich zu tun: In der neutralen Schweiz hat er traditionell ein hohes Ansehen – auch weil er im Gegensatz zur Nati auch einmal an einem Final teilnehmen kann. 1966 bewilligte ja mit Gottfried Dienst ein Basler das Wembley-Tor, und die Karrieren von Kurt Röthlisberger und Urs Meier wurden penibel verfolgt. Meier gibt heute im ZDF den Nati-Kenner, wobei seine mehr eitlen als überzeugenden Auftritte kaum Anlass für Bertolinis SRF-Engagement gewesen sein konnten.

Bertolinis Prominenz ist umso ärgerlicher, weil die Qualität der Analysen im Vergleich zu früheren Turnieren merklich besser geworden ist. Ein Rolf Fringer oder auch ein Beni Huggel tragen tatsächlich zum Spielverständnis bei, wenn sie die Laufwege und Ballzirkulationen untersuchen.

Bertolini dagegen bleibt allzu häufig die Repetition des Offensichtlichen. Denn wirklich brennende Fragen hat er ja nicht zu besprechen: Nahaufnahmen und Zeitlupen lösen Unklarheiten zu Fouls und Offsides auf, ein vierter Referee greift noch während des Spiels korrigierend ein, die automatische Tor-Erkennung verunmöglicht eine Wembley-Wiederholung. Mehr denn je gilt für Bertolini daher die alte Rasenregel: Nur der unerkannte Schiedsrichter ist ein guter Schiedsrichter.

baz.ch/Newsnet

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