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«Popstars»: «Sadistisch und primitiv»

In der gestern ausgestrahlten Episode von «Popstars» auf Pro Sieben erfuhr die 16-Jährige Kandidatin Victoria vom Tod ihrer Mutter – live. Der Zürcher Psychiater und Buchautor Mario Gmür äussert sich zu dem Fall.

Herr Gmür, was denken Sie, wenn Sie von einem Fall wie diesem hören? Dass das eine äusserst zweifelhafte Form der Fernsehunterhaltung ist: primitiv, geschmacklos und an der Grenze zur Persönlichkeitsverletzung.

Man hat ja am Fernsehen schon fast alles gesehen, warum schockiert uns das dennoch? Es entspricht der Tendenz der Unterhaltungs-Medien, mit Dramatisierungen die Spannung und damit die Aufmerksamkeit zu erhöhen. Das Vorgehen in diesem Fall aber ist eine eigentlich sadistische Methode. Man versetzt jemanden in Angst und Schrecken und labt sich an den Auswirkungen. Und befriedigt so das nach Sensationen gierende, voyeuristische Publikum. Typisch für sadistische Handlungen ist der Überfallcharakter, dass die Frau völlig unvorbereitet und schutzlos mit dieser Nachricht konfrontiert wird.

Was macht die Menschen eigentlich so gierig nach den Gefühlen anderer? Dabei geht es um Angstlust, ein kontraphobischer Effekt: Man sucht auf, was Angst macht, um sich dagegen vermeintlich zu wappnen, wie im Gruselfilm. Die Frau wird für ein dramaturgisches Konzept instrumentalisiert, dazu ist das Vorgehen völlig zweckentfremdet. In dieser Show geht es ja eigentlich ums Singen und Tanzen und nicht darum, sein Privatleben offen zu legen.

Mit welchen psychologischen Folgen muss die Frau rechnen? Ein Todesfall ist zunächst schon ein Trauma, der in einen Zustand der Depression und Verzweiflung stürzt. Wenn das dann noch im Rampenlicht breitgeschlagen wird, zieht es dazu noch ein Gefühl der Peinlichkeit nach sich. Man ist sowieso schon seelisch beschädigt durch das tragische Ereignis und durch den Verlust der Selbstbestimmung dann noch zusätzlich entwürdigt.

Die junge Frau hat allerdings seither schon wieder Interviews zu dem ganzen Fall gegeben – warum meidet sie die Öffentlichkeit nicht einfach, um zu trauern? Es ist möglich, dass geltungssüchtige und exhibitionistische Personen die erhöhte Aufmerksamkeit auch in einem solchen Fall noch suchen. Das ist auch Kompensation, wenn man im Moment der Schmach Zuwendung bekommt. Man sieht das z.B. auch bei Witwen, die nach dem Todesfall durch die enorme Zuwendung aufleben. Traumata lösen oft ein grosses Erzählbedürfnis aus. Die Person versucht das schmerzhafte Ereignis in der Wiederholung des Erzählens in den Griff zu bekommen, quasi aus der passiven Position der Ohnmacht in eine aktive des wiederholten Mitteilens zu gelangen. Und dann kommt oft der grosse Absturz, wenn die Aufmerksamkeit nachlässt und man mit seinen Gefühlen völlig allein ist.

Dennoch: Ist die Frau nicht auch ein wenig selbst schuld? Das ist wie mit der Vergewaltigung und dem Minirock. Ist eine Frau selbst schuld, wenn sie so gekleidet einen Waldspaziergang macht und dann überfallen wird? Natürlich nicht. Im Falle der Castingshows werden da natürlich Personen, die aufgrund ihres Charakters oder ihrer Biographie verführbar sind angesprochen. Natürlich ist sie freiwillig dabei, aber das ist eine nichtige Legitimation für eine spektakuläre Blossstellung in den Medien. Wenn ein Verwandter eines Schauspielers stirbt, dann wird der auch nicht während der Vorführung informiert und dann auch noch gefilmt. Das ist völlig absurd.

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