Moppel und Moral

Freddy Schenk ist der biederste «Tatort»-Kommissar. Das passte für einmal prima.

Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Nachdem ihn die Kritik schon wieder nicht bejubelt hatte, wütete Til Schweiger Anfang Jahr auf Facebook. «Andere», schrieb Schweiger, «verschwenden das Budget für zwei moppelige Kommissare, die ne Currywurst verspeisen.»

Damit konnte nur der Kölner «Tatort» gemeint sein. Freddy Schenk ist der biederste «Tatort»-Kommissar, ein Detektiv-Moppel par excellence: Speckkörper, diffuse Behaarung, den Mund ständig offen wie ein Fisch, weil schrecklich kurzatmig. Er liebt Tupperware, Thermosflaschen und halbschlaue Sprüche. «Attraktiver Weisskittel bringt sich mit Frauengeschichten in tödliche Schwierigkeiten.» Das war Schenks erster Einsatz im grossen Motiv-Bingo.

Einfach den Fall aufgedröselt

Der Krimi war dann raffinierter als seitens Schenk und wohl auch der meisten Zuschauer gedacht. «Narben» war ein Film mit einigen kriminalistischen, aber auch moralischen Fallstricken. Wer stand hinter dem Mord am kongolesischen Arzt Wangila? Nazis waren keine im Spiel, und das Opfer war eine trügerische Projektionsfläche. Der Ermordete erwies sich nämlich als Kriegsverbrecher, und die Mörderin war eine sensible Ärztin. Sie wollte Wangila stoppen und rächte die Frauen, die er im Kongo gequält hatte. Zudem korrumpierte Wangilas nicht minder böser Bruder die Bewohner eines Asylheims.

«Moral hilft in einem solchen Fall nicht», sagte Freddy Schenk zum Assistenten, als der von den Untaten im Kongo anfing, und Schenk verzog die Miene, als der Assistent vom Rohstoffabbau zu reden begann, von der Mitschuld des Westens, die in jedem Handy drinstecke. Sicher, das waren verständliche, vernünftige Exkurse – aber man war doch froh, dass der biedere «Tatort»-Cicerone nicht auch noch pädagogische Ambitionen entwickelte, sondern einfach nur den vermaledeiten Mord aufdröselte. Für alles andere fehlte ihm sowieso Schnauf und Nerv, denn dieser Fall war mit all den Verstümmelungen und Traumata härter als ein konventioneller «Moppel-Tatort». Sehr hart sogar – am Schluss gabs nicht mal Currywurst.

baz.ch/Newsnet

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