«Ich habe jetzt Lackschuhe mit Profil»

Mike Müller schlüpft zum letzten Mal in die Rolle des Luc Conrad, weiss aber schon, wie es weitergehen wird.

Unrealistische Annahme. Mike Müller als «Bestatter», der sich immer über Gebühr in die Polizeiarbeit einmischt.

Unrealistische Annahme. Mike Müller als «Bestatter», der sich immer über Gebühr in die Polizeiarbeit einmischt.

(Bild: SRF)

Markus Wüest

Seit 2013 strahlt das Schweizer Fernsehen immer Anfang Jahr seine Serie «Der Bestatter» aus. Der Oltner Mike Müller, dem Fernsehpublikum als Gastgeber der Late-Night-Show «Giacobbo/Müller» schon bestens bekannt, wurde für diese Serie zum Bestattungsunternehmer mit kriminalpolizeilichem Hintergrund. Nach der siebten Staffel, die nächsten Dienstag anläuft, ist Schluss. Auf Mike Müller muss aber niemand verzichten. Auf jeden Fall nicht all jene, die gerne in den Zirkus gehen.

BaZ: Mike Müller, lässt sich nach sieben Staffeln des «Bestatters» sagen, dass die Schweizer Fernsehmacher von der Erfahrung profitiert haben?
Ich hoffe es schwer. Eine positive Entwicklung ist zum Beispiel, dass «Wilder» einen übergreifenden Fall machen darf, der sich wie eine Klammer um die einzelnen Episoden fügt. Der Dienstagabend ist beim Schweizer Fernsehen (SRF) ja traditionell von den deutschen Serienkrimis besetzt, pro Folge ein abgeschlossener Fall.

Seit ewig ist das so.
Genau. Beim «Bestatter» war das am Anfang die grosse Diskussion: Darf man eine Folge machen, die nicht abgeschlossen ist? Also: Täter nicht geklärt, keine Verhaftung erfolgt. Bei «Wilder» war das nicht einmal mehr eine Diskussion. Die machten gleich zu Beginn einen einzigen Fall für eine ganze Staffel.

Legte «Der Bestatter» dafür den Boden?
Nein, nein. Das ist eine allgemeine Entwicklung. Es ist mehr möglich, man darf sich mehr Freiheiten herausnehmen. Das hat sehr viel mit den starken dänischen Serien zu tun, aber selbstverständlich auch mit dem, was die Amerikaner machen. Es hängt aber auch damit zusammen, dass man sich gut überlegen muss, welches Genre man bedienen will. Aber in der Absurdität ist heute viel mehr möglich als noch vor zehn Jahren.

War da nicht die US-Serie «Six Feet Under» wegweisend? Gerade auch für den «Bestatter»? Die wagten diesen Genre-Mix.
Richtig. Den haben wir sicher nicht erfunden, aber wir gerieten in eine Entwicklung, die solches zuliess. Mittlerweile hat sich die Sehgewohnheit noch mehr verändert, und so ist es jetzt auch möglich, in der Schweiz so etwas wie «Wilder» zu machen. Trends setzen werden wir (eher) nicht, dafür ist die Schweiz zu klein.

Mein Eindruck ist, die Geschichten beim «Bestatter» werden besser auf den Punkt gebracht.
Ja, wir haben alle auch viel gelernt. Es ist immer einfach, neue Figuren nachträglich in eine Geschichte reinzuschreiben, um Probleme zu lösen. Nur sind das dann meist unattraktive Figuren. Wir hatten auch schon Staffeln mit zu viel Personal.

All das merkt man und kann es ändern?
Ja. Und man bezahlt manche Fehler teuer.

Apropos zu viel Personal: Wie wichtig sind denn Nebenfiguren wie der Arzt Dr. Semmelweis oder Fabio? Hängt alles einfach an Luc Conrad?
Überhaupt nicht. Ich habe immer gesagt: «Ich bin der Erste im Umzug, aber es ist ein Umzug.» Es braucht diese Bestatter-Familie. Da gehört der Semmelweis dazu, aber auch die Polizei. Die Leute warten auf diese Figuren, und diese Erwartung muss man bedienen.

Wie merken denn die Macher, obs stimmt oder nicht? Anhand der Reaktionen der Zuschauer vor allem?
Es gibt zwei Möglichkeiten der Drehbuchentwicklung: Entweder die Produktion macht das oder das SRF. Bei dieser letzten Staffel zeichnete jetzt wieder das SRF verantwortlich. Es finden schon während der Dreharbeiten für eine Staffel die Besprechungen der Drehbücher für das kommende Jahr statt. Ich selber habe bei der Plot-Entwicklung nie mitgewirkt, aber stets Feedback gegeben. Zwischen dem Exposé und dem definitiven Drehbuch liegen vier bis fünf Versionen. Die wichtigste Erkenntnis aus den sieben Jahren lautet: Die zentralen Fragen eines Plots, die man beim ersten Drehbuch nicht beantwortet, in der Hoffnung, man könne sie später lösen, haben einen astronomisch hohen Preis. Das meinte ich auch mit Fehlern, die man teuer bezahlt.

Was heisst das konkret?
Dass man Geschichten so derart vermasseln kann, dass man sie selbst mit aufwendigsten Korrekturen nicht mehr hinkriegt. Oder dass es einen in der Herstellung vier Wochen zurückwirft, weil man das Buch komplett neu anders machen muss.

Weil zum Beispiel Plot-Stränge nicht aufgehen?
Ja, weil man merkt, es stimmt nichts. Oder weil sich zeigt, dass das Motiv nicht passt oder der Täter es gar nicht gewesen sein kann … Und wenn man fast alles wieder in den Kübel werfen muss, geht nicht nur viel Zeit verloren, sondern auch viel Geld …

Weil neu gedreht werden muss?
Nein, dafür fehlt uns die Zeit. Aber bei einem absehbaren Hund sagt man sich gelegentlich: «Komm, machen wir einfach mal. Das lösen wir dann auf dem Set.» Oder: «Komm, das lösen wir beim Schneiden. Und wenn auch das nicht geht, muss halt die Musik helfen.» Ausreden wie diese gibts in jedem Beruf. So auch in unserem.

Warum hören Sie jetzt auf?
Es ist schwierig zu entscheiden, wann mit etwas genug ist. Ich hatte einfach das Gefühl, man sehe langsam den Horizont. Es wird immer schwieriger, Geschichten über einen Bestatter zu erzählen, der sich in polizeiliche Ermittlungen einmischt. Eigentlich ist es ja eine unrealistische Annahme. Also muss man sie immer stützen. Und da fanden das SRF, der Produzent und ich: Jetzt machen wir Schluss.

Hätten Sie auch aufgehört, wenn es «Wilder» nicht gäbe?
Das hat aus meiner Sicht nichts miteinander zu tun. Ich hatte das schon vor drei, vier Jahren mal zum Thema gemacht: Was ist mit dem «Bestatter», wie soll es aufhören? Ich wollte nicht eines Tages hinstehen und den anderen sagen: «So, der Monsieur hat jetzt keine Lust mehr. Wir hören auf.»

Wie schwer fällt es dem Schauspieler Mike Müller, so eine Figur loszulassen?
Fertig ist fertig. Ich bin kein sehr sentimentaler Mensch, beruflich. Kommt dazu: Wenn man mit etwas aufhört, gibts ja auch wieder Platz für Neues.

Würden Sie noch einmal die Hauptrolle bei einer Serie spielen?
Ja, wenn sie gut ist. Ich fand beim «Bestatter» von Anfang an, es sei eine gute Idee. Nach dem Ende des Pilotfilms – der übrigens nie gesendet worden ist – war ich überzeugt, dass das eine gute Sache ist, aber ich wusste nicht genau, worauf ich mich einlasse. Wir wussten ja auch nach der ersten Staffel nicht, ob es weitergehen würde. Ich hatte es cool gefunden, aber es war kein fester Bestandteil meines Berufslebens. Das wurde erst später so.

Weil es ja bestimmt auch zu einem festen Teil des Einkommens wurde …
Ja gut, die ersten beiden Jahre hatte ich nicht so viel verdient. Da stand ich irgendwann mal auf die Beine. Auch weil ich mich für die Serie gewehrt hatte, weil ich sozusagen der Klassensprecher war. Ich wollte mich auch wehren wegen der Ansätze, die bei Fernsehfilmen wie «Tatort» gezahlt werden. Ich hatte genug davon, immer die Schulbubenproduktion zu sein. Das störte mich. Status ist mir nicht sooo wichtig, aber ich sah nicht ein, weshalb er so viel tiefer sein soll. Das hat dann geändert. Also ja, es war ein Teil des Einkommens, aber ich habe immer – nicht aus ökonomischen Gründen, eher aus strukturellen – anderes gemacht, das unabhängig vom SRF lief. Erstens weil ich mein Handwerk auf der Bühne gelernt habe und es auch dort weiterhin schärfe. Zweitens weil ich dort viel, viel unabhängiger bin; auch von den Institutionen.

Zum Beispiel mit dem abendfüllenden Stück «Gemeindeversammlung».
Ja. Da habe ich die Idee fürs Plakat gehabt, das Stück geschrieben, und ich mache auch noch das Booking selber. Das ist einfach eine andere Art zu arbeiten, und ich mag das. Mein Regisseur Rafael Sanchez und ich auf der Probebühne, Entscheide in Sekundenschnelle. Ich will nicht nur fürs Fernsehen schaffen.

Und wie passt die Sommertournee mit dem Circus Knie in dieses Gesamtbild?
Das ist wieder etwas ganz anderes. Dort können Viktor Giacobbo und ich machen, was wir wollen. Es muss einfach lustig sein.

Also Carte blanche?
Komplett. Wir sind gebucht auf der Position «Komiker» und treten während der Abendvorstellung fünf bis sechs Mal mit kürzeren Nummern auf. Eine ziemliche Umzieh-Orgie für uns beide.

Offenbar ist geplant, die bekannten Figuren aus Giacobbo/Müller wieder zu beleben?
Genau. Das ist eine echte Herausforderung. Aber auch lässig. In den Circus geht man als Komiker einmal im Leben – Viktor jetzt zwei Mal.

… und man spielt in einem Kreis. Dreht einigen Leuten also unweigerlich den Rücken zu.
Ja. Recht vielen. Denn der Kreis ist grösser als früher. Das Zelt hatte ja 2018 bereits nur noch zwei Masten. Dieses Jahr hat es gar keine mehr. Alles wird von aussen gehängt. Das heisst, die Zuschauer sitzen bis auf einen Schnitz von 40 Grad rund um uns herum.

Das muss man in der Planung einbeziehen?
Selbstverständlich. Der Circus an sich ist ein Thema. Wir können nichts von dem bringen, was wir als Material in den Sendungen gebraucht haben. Selbst die zeitlosen Nummern funktionieren nicht mehr. Alles muss neu geschaffen werden. Das ist toll – und eine Herausforderung. Der Circus Knie ist ein extrem spannendes Familienunternehmen, sehr gut geführt, mit viel Leidenschaft. Ich finde das sehr cool und freue mich.

Wie sehr wird sich das Material zwischen März und September, dem Ende der Tournee, entwickeln?
Nur zum Teil. Wir werden bestimmt versuchen, aktuell zu sein, versuchen zu improvisieren, aber das alleine reicht nicht. Bei der Late-Night-Show war der Ausschuss 95 Prozent. Und man schreibt immer mindestens doppelt so viel Material, wie man nachher brauchen kann.

Proben Sie und Viktor Giacobbo schon?
Ja. Und nicht nur wir. Die Tiere zum Beispiel müssen lernen, mit dem Applaus umzugehen.

Es ist bestimmt auch noch schwierig, keinen festen Boden unter den Füssen zu haben.
Ja. Dazu nur so viel: Ich habe mir feine Lackschuhe gekauft und sie zum Schuhmacher bei mir im Quartier gebracht und gesagt, er soll mir eine grobe Sohle darunter machen. «Perché?», hat er wissen wollen. Als ich sie dann bei ihm abgeholt habe, hat er sie mir hingestellt und gesagt: «Signor Muller, perché?» Das seien so schöne Schuhe. Warum ich das mache. Er konnte es einfach nicht verstehen. Lackschuhe mit Profil!

Immerhin müssen Sie nicht üben, mit dem Applaus umzugehen …
Nein. Aber es ist schon anders als in einem Theater. Weil die Leute ja auch nicht nur wegen uns kommen. Wenn es gut läuft, wirds der Hammer, wenn nicht, wird es die Hölle.

Lampenfieber?
Habe ich immer. Bei der Premiere eines Stücks bereue ich immer, dass ich nicht einen guten Beruf gelernt habe. Bäcker zum Beispiel. Da könnte ich schon bald ins Nest, statt um 8 auf die Bühne zu treten. Aber kaum ist es vorbei und gut gelaufen, hat man eine riesengrosse Klappe. Das macht unseren Berufsstand manchmal etwas (lange Pause) – instabil.

Sind Sie und Viktor die Clowns des Circus Knie?
Nein. Die Komiker. Die Clowns sind die anderen.

Gibt es eine Schnittmenge?
Ja, der Clown ist auch ein Komiker. Aber er ist maskiert. Ist noch viel mehr eine Kunstfigur, als es unsere Figuren sind. Hanspeter Burri ist auch nicht jemand, dem man am Bahnhof begegnet, aber er ist auch keine poetische Kunstfigur.

Aber beide verstehen etwas von Timing?
Ja, natürlich. Aber auch die Pferdenummer basiert auf Timing. Timing hat etwas mit Virtuosität zu tun. Und in der Komik muss man diese hin und wieder brechen. Sieht man nur noch die Virtuosität, klappt die Komik nicht. In der Artistik ist es anders.

Der Clown kann auch Angst machen. Es gibt sogar irgendein Fachwort dafür.
Das stimmt. Darum sieht man auch die klassischen Clowns nicht mehr so oft, die so laut sind.

Gibts auch eine Angst vor Komikern?
Ja. Der englische Schriftsteller David Nicholls hat ja das Buch geschrieben «Zwei an einem Tag». Dort kommt eine Figur vor, ein Stand-up-Comedian, der nicht so gut ist, und der macht ständig Witze, auch privat. Und seine Freundin nennt das dann Tinnitus der Heiterkeit.

… bis es pfeift!
Das gibt es ja auch in der Komik, oder?

«Der Bestatter», Di 8.1., 20.05 Uhr, SRF 1

Basler Zeitung

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