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«Hinter der gekünstelten Schweizer Fassade sieht es erbärmlich aus»

Wann ist jemand arm? Der SF-Dokfilm «Leben zum halben Preis» sowie die Kritik auf Redaktion Tamedia spaltet die Leser. Auffallend: Viele Wenigverdiener wollen nicht als arm abgestempelt werden.

Drei Kinder von drei Vätern: Sandra, alleinerziehende Mutter.
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SF/Dok
Ablenkung vom Alltag bietet von Zeit zu Zeit ein Klatschheft.
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Filmemacher Pino Aschwanden bei der Arbeit.
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Die TV-Kritik unter dem Titel «Die herbeigeredete Armut» hat bei vielen Lesern für Unmut gesorgt. «Wie wäre es, wenn er [der Autor] einmal versucht mit 3000 Franken im Monat und zwei Kindern zu leben?», meint zum Beispiel Ramon Lopez. Andere fanden, einen Dokumentarfilm zu kritisieren, der Menschen mit einem knappen Budget ins Zentrum setzt, sei arrogant. Einige Kommentarschreiber nehmen nicht auf den Film Bezug, sondern äussern sich allgemein zur Armut im Land. Leo Schale zum Beispiel schreibt: «Armut wird in der Schweiz nicht herbeigeredet, sondern verleugnet bzw. verdrängt – wie so vieles.» Bernhard Lehmann meint gar: «Hinter der gekünstelten Schweizer Fassade siehts in Wirklichkeit erbärmlich aus. Die Armutsstudie ist eher eine Unter- statt Übertreibung!»

Es meldeten sich auch einige Personen zu Wort, die laut eigenen Angaben selbst in prekären finanziellen Verhältnissen leben. Sie wollen möchten sich aber allesamt nicht als arm bezeichnen. So schreibt Marcus Ballmer: «Wir sind eine Familie mit zwei Kindern, haben 3800 Franken monatlich, wohnen in einer kleinen, hübschen Wohnung, haben ein uraltes Auto (läuft aber). Ferien gibt es nicht, macht nichts. Wir wohnen, wo andere Ferien machen. TV haben wir auch nicht, egal. Wir sind nicht arm, sondern zufrieden, und finden, es geht uns gut. Sozialhilfe beziehen wir nicht.» Und Xaru Narala: «Wir sind eine bald fünfköpfige Familie und haben am Ende des Monats eigentlich kein Geld übrig. Doch würden wir uns selber nie als arm bezeichnen.»

«Fantasie ist wichtiger als die Kreditkarte»

Ob jemand als arm gilt oder nicht, hängt insbesondere auch davon ab, mit wem man sich vergleicht. Einige Leser vergleichen mit Ländern, deren durchschnittlicher Lebensstandard weit unter dem unsrigen liegt. Kein Wunder empfinden sie die hiesigen Verhältnisse als luxuriös. «Unsere Familie wohnt in verschiedenen Ländern Asiens und Lateinamerikas. Als dortige Mittelschicht sind ihre Verhältnisse genau so wie im Film geschildert: keine Ferien, nichts auf dem Konto, nur ab und zu ins Kino», schreibt Jürg Ackermann. Und Michael Belz meint: «Ich habe acht Jahre in einem armen Land gelebt. In der Schweiz geht es den Menschen sehr gut.»

Claudia Pleuss ist da anderer Meinung: «Ist man ohne Playstation arm? In der Schweiz – eher ja! Die Schweiz hat einen hohen Lebensstandard, dies auch bei ‹unserer Armut›.» Davon will Bruno Wüthrich nichts wissen, seine materiellen Ansprüche sind bescheiden: «Hängt der Gefühlszustand der Menschen davon ab, ob sie sich leisten können, was sie sich wünschen? Der Film zeigte unter anderem: Sind die Grundbedürfnisse (dazu gehören weder jährliche Ferien am Strand noch der Fernseher auf jedem Zimmer) gedeckt, so sind Zuwendung und Fantasie wichtiger als die Kreditkarte zur Befriedigung von künstlichen erzeugten Wünschen.»

Was meinen Sie? Wann ist für Sie jemand arm? Lesen Sie nachfolgend alle Kommentare und diskutieren Sie mit!

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