Getanzter Dreck

Wie ein Remake nicht sein sollte: RTL zeigt heute eine Neuverfilmung von Dirty Dancing. Sie ist so schlecht, dass sie Krampfadern verursacht.

Im Remake von Dirty Dancing spielt Abigail Breslin Baby, Johnny Castle wird dargestellt von Cold Prattes. Den Originalfilm mit Patrick Swayze und Jennifer Grey zeigt RTL am 13. Januar (20.15 Uhr) – besser dann erst einschalten und heute Uli der Knecht oder die Vierschanzentournee schauen (SRF 13.55 Uhr).

Im Remake von Dirty Dancing spielt Abigail Breslin Baby, Johnny Castle wird dargestellt von Cold Prattes. Den Originalfilm mit Patrick Swayze und Jennifer Grey zeigt RTL am 13. Januar (20.15 Uhr) – besser dann erst einschalten und heute Uli der Knecht oder die Vierschanzentournee schauen (SRF 13.55 Uhr).

Schon wie es anfängt. Eine junge Frau starrt auf das Plakat zu «Dirty Dancing – das Musical», als wäre es ein Wimmelbild, obwohl nur der Schriftzug draufsteht. Bereits jetzt hätte besser jemand in die Szene hineingerufen: «Gehen Sie bitte weiter, hier gibt es nichts zu sehen.» Und das gilt für das ganze verkorkste Remake des Originals aus dem Jahr 1987.

Dirty Dancing mit Patrick Swayze und Jennifer Grey (Regie: Emile Ardolino) war nicht «nur ein Tanzfilm». Wer das sagt, würde Goethes Faust auch «nur ein Drama» nennen. Das Original war wie auch Stand by Me (1986, Regie: Rob Reiner) und American Graffiti (1973, Regie: George Lucas) eine Perle des Coming-of-Age-Genres, angesiedelt in der von vielen Amerikanern bis heute idealisierten Phase zwischen Nachkriegszeit und der Ermordung John F. Kennedys 1963. Sie gilt als Zeit der Unschuld, des Wohlstands und des Wachstums, des Babybooms und des Fortschritts. Damals reichte der Jugend ein blosser Hüftschwung, um eine wenn nicht revolutionäre, so doch wenigstens aufmüpfige Gesinnung auszudrücken.

Die Besonderheit an Dirty Dancing war, dass es zwar im Sommer 1963 spielte, aber bis in die letzte geföhnte Haarspitze hinein von den 1980er-Jahren durchtränkt war. Diese Geschichtsvergessenheit erlaubte dem Film, sich ganz auf sein eigentliches Thema zu konzentrieren: auf Sex, bzw. darauf, wie man ihn im Film zwar ununterbrochen hat, aber nicht zeigt. Dirty war in Dirty Dancing nichts, der Titel verspottet den gekränkten Eros.

Dafür aber gönnt sich das Original unendlich gedehnte Momente, in denen es zur Erfüllung eben nicht kommt. Es ist ein Panoptikum der tiefen Blicke, des Schmachtens, der auf der Stelle tretenden Verführung, des unstillbaren Begehrens, das nie von der Stelle kommt. «Alle Lust will Ewigkeit», sagt Nietzsche. Hier ist Ewigkeiten lang nur hinreissend getanzte, sublimierte Lust. Der Film war schliesslich jugendfrei.

Und nun zum Remake von 2017: Das Setting stimmt grob überein, die Figurenkonstellation auch, vielleicht noch das Wetter – aber sonst stimmt gar nichts. Die Dialoge («Diese Jungs hier kommen alle von Elitecolleges», «Man Dad hätte nicht so mit dir sprechen dürfe, er täuscht sich in dir», «Wir haben schon viel gesehen, aber Veränderungen wie diese noch nie.» «Dein Buch hat mich inspiriert».) verursachen abwechselnd Krampfadern und Heulkrämpfe, man hat ein Ehekrisen-Familiendrama um «Baby» (Abigail Breslin) eingeführt, dazu wird eine viel zu schnell gespielte Version von Dylans Don't Think Twice It's Alright heiter vorgetragen, da die Sänger entweder nicht wissen oder nicht verstanden haben, was sie singen. Und sie haben das Finale verhunzt, richtig schlimm. Johnny (Colt Prattes) und Baby singen nun The Time of My Life selber und müssen auch noch dazu tanzen. Beides können sie nicht. Danach geht es so weiter bis zum hanebüchenen finalen Crash des Plots.

Das ist nicht Dirty Dancing, das ist Tanzschmutzung.

Dirty Dancing, RTL, Neujahr, 14.10 Uhr.

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