Tackerklammer im Oberschenkel erleichtert das Denkvermögen

Der Berliner «Tatort» machte viel Stress – und einen Kommissar zum Helden.

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Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Das können die Berliner «Tatort»-Macher gut: den Stresspegel hochdrücken. Zu Beginn des Films «Dunkelfeld» muss Kommissarin Rubin die Bar Mitzwa ihres Sohnes vorbereiten. Ausgerechnet jetzt spritzt der Küchenmixer. Nerviger Haushaltsstress! Zudem muss ihr Kollege Karow einen Gangster eskortieren. Dabei kriegt der Gangster einen Schuss ab, die Kugel kommt von irgendwoher. Adrenalinschub, elender Schussscheissstress! Der Gangster ächzt in Panik: «Die Scheisser haben mich verarscht!» Karow brüllt: «Scheisse! Was! Wo!» Karow wird vom Gangsterblut bespritzt, der Gangster stirbt. Rubin eilt zum Tatort, ein anderer Gangster ist auch schon dort; Frau Kommissarin wird von einer Elektroschockpistole ins Blackout gezippt, ziemlich fies, das. Parallel wabert ständig die Paranoia, denn hinter dem Mord steht eine Verschwörung, die weit in Justiz und Spitzenpolitik hineinwuchert.

Langweilig wirds dem Zuschauer unter solchen Umständen selbstverständlich nicht, und weit weg sind zum Glück die Currybuden-Exkurse furzverklemmter Aufgeschwemmter, wie man sie in anderen «Tatort»-Folgen erdauern muss. Das Tempo drosselt nur der gleichzeitige Ritus um Rubins Sohn: Mini-Sequenzen, die von langsamen, alten Handlungen erzählen und erfüllt sind von der stillen Zuversicht echten Glaubens. Dann gehts wieder zurück ins Hickhack, Kommissarin Rubin ist mittendrin statt bei ihrem Sohn.

Nach den Schlägen der Höhenflug

Mit der Erfindung von Rubin und Karow hat der Rundfunk Berlin Brandenburg letztes Jahr einen Glücksgriff getan. Die zwei bringen Schwung in die Krimi-Reihe: Hier die zwischen Tradition und Zeitgenossenschaft schwankende Kommissarin, dort der mysteriöse Einzelgänger. Vielleicht etwas gar offensichtlich ist dabei die Ambition, Karow zum Helden zu machen. Er trägt lässigen Bartwuchs und Jacket, Gangster traktieren ihn mit Eisenstangen und tackern ihn mit Klammern, damit er schön lädiert daliegen kann – natürlich ohne je gepetzt zu haben oder gebrochen worden zu sein. Ganz im Gegenteil folgt auf die Tracht Prügel ein geistiger Höhenflug: Karow belehrt seine Quäler mit einem naturwissenschaftlichen Exkurs zum Thema «Die Symbiose».

Eher konventionell ist dagegen der Plot, die Figuren werden angetrieben durch die Jagd nach einem Video, auf dem der Mord zu sehen ist, als zweites Motiv kommt die Befreiung Karows hinzu. Kein Vorzug ist es, dass der Film Teil eines über mehrere Folgen hinausgreifenden Kriminalfalls ist; er wird dadurch komplexer, nicht aber raffinierter. Das Mantra von der «TV-Serie als Kunstform unserer Zeit» hat zum ausladenden Erzählen verlockt. Wenn zwischen den einzelnen Folgen allerdings eine monatelange Pause liegt und auch der zufällige Sonntagabend-Switcher weiterhin bedient werden muss, sollte man von der epischen Form besser die Finger lassen.

baz.ch/Newsnet

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