Die Welt schaut Dänisch

Nicht nur Amerika macht gute TV-Serien. Jetzt sind die Dänen da. Mit Fernsehjuwelen wie «Borgen», «Forbrydelsen» oder «Broen». Sogar Prinz Charles und Camilla sind Fans.

Ein cooler Cop braucht einen Spleen – bei Sarah Lund ist es der Pullover: Sofie Grabol in «Forbrydelsen», links Mikael Birkkjær als ihr Partner Ulrik Strange.

Ein cooler Cop braucht einen Spleen – bei Sarah Lund ist es der Pullover: Sofie Grabol in «Forbrydelsen», links Mikael Birkkjær als ihr Partner Ulrik Strange.

(Bild: Tine Harden)

Simone Meier

Als die Freundinnen Gudrun und Gudrun auf den Färöern begannen, ökologische Wollpullover zu stricken, ahnten sie noch nichts von ihrem künftigen Ruhm. Doch plötzlich waren die rustikalen Pullis mit dem traditionellen Schneeflockenmuster im Fernsehen, getragen von der düsteren, emotional abgestumpften, aber bis zum Irrsinn von ihrem Tun besessenen Sarah Lund, der besten und stursten Kriminalkommissarin von Kopenhagen. Eine Frau mit einem Spürsinn aus Stahl und einem Herz aus zerbröselndem Rost.

Dann überreichte Sarah-Lund-Darstellerin Sofie Grabol einen dieser Pullis Camilla, die mit Charles zu Besuch in Dänemark war und sich wünschte, einmal bei den Dreharbeiten dabei zu sein. Denn «Forbrydelsen» (2007–2012), wie die Serie in Dänemark heisst, oder «The Killing», wie sie von der BBC für England umgetauft wurde, sei, so Camilla, die einzige TV-Serie, die sie und Charles in dunklen Nächten auf Schloss Balmoral verschlingen würden. Die BBC hat soeben alle drei Staffeln von «Forbrydelsen» in eine schwarze DVD-Box mit Schneeflocken-Strick-Prägung gepackt.

Der englische Umweg

Die Dänen, so sagen die Briten seit gut einem Jahr voller Bewunderung, machten gerade die besten TV-Serien Europas, ja sogar der Welt. Man kann der Welt nun nicht vorwerfen, dass sie nicht schon vorher auf das dänische Serienschaffen geachtet hätte; das ZDF etwa hat die ersten beiden Staffeln «Forbrydelsen» (Verbrechen) unter dem Titel «Kommissarin Lund» schon 2008 und 2010 im Anschluss an den «Tatort» gebracht, und das Schweizer Fernsehen zeigte das Politikerdrama «Borgen» kurz vor Mitternacht. Aber erst der Umweg über die grosse Insel, die bis zu 2,2 Millionen Zuschauer, die «Forbrydelsen» und «Borgen» pro Folge in England haben, brachten so richtig ins Bewusstsein der seriensüchtigen Öffentlichkeit, was da eigentlich los ist. Und da steht man nun und sieht und staunt.

Über Kraft, Komplexität und Konzept. Da ist die Atmosphäre, das naturgemäss Düstere von Dänemark, ein Himmel in weit mehr als 50 Schattierungen von Grau. Es gäbe, sagte Sofie Grabol neulich, ein Gedicht über die 16 Monate von Dänemark: «Januar, Februar, März, April, Mai, Juni, Juli, August, September, Oktober, November, November, November, November, November, Dezember.» Und durch den November-Grusel leuchtet diese skandinavisch gemütliche Häuslichkeit, nach der wir alle eine kleine Sehnsucht haben, ein bisschen Ikea, ein bisschen Lego, kein falsches Design, warm. Draussen aber, da lauern Intrigen, Lügen, Verbrechen, rohe, grässliche, geisteskranke Gewalt, die alles zerrüttet, die ein Land, das als besonders sicher gilt und wo der Himmel voller Überwachungskameras hängt, in die Paranoia treibt, privat, politisch, medial. Kein Wunder, dass Shakespeare seinen «Hamlet» hier angesiedelt hat.

Wenn die cool verlebte Sarah Lund pro Staffel ein Verbrechen klärt, dann geht sie allen möglichen Verästelungen nach, durchdringt und entlarvt auf ihrem Weg politische und wirtschaftliche Systeme. Sorgfältig werden Dutzende von Fährten gelegt, nach jeder Folge ist eine andere Figur der mögliche Täter, nicht zuletzt ein Politiker namens Troels Hartmann (gespielt von Lars Mikkelsen, dem attraktiven Bruder von Mads Mikkelsen). Sarah Lund ist dabei – in traditionellen TV-Heldenmustern gedacht – ganz Mann.

Auch «Borgen» (2010–2013) hält sich nicht mit biederen Geschlechterklischees auf: Wenn sich die charismatische dänische Premierministerin Birgitte Nyborg (Sidse Babett Knudsen) in «Borgen» entscheiden muss zwischen Mann und Karriere, wählt sie Letztere. Und die schöne Journalistin Katrine Fonsmark (Birgitte Hjort Sorensen), die das Tun von Birgitte Nyborg medial begleitet, wählt am Scheideweg von Kind oder Karriere eine Abtreibung. Es ist der pragmatische, triste, beiläufige Realismus moderner Menschen in einem modernen Staat.

Raubkunst am Fernsehen

«Forbrydelsen», «Borgen» und der neuste Wurf «Broen» («The Bridge», seit 2011) werden unter dem schönen, im Fall von «Borgen» aber nicht ganz wahren Label «Nordic Noir» zusammengefasst. In «Broen» stehen zwei Ermittler auf einer Brücke zwischen Dänemark und Schweden vor einer seltsamen Leiche: Die Beine gehören einer dänischen Prostituierten, der Torso einer schwedischen Politikerin – und so sexy ist der dunkle Appeal der Wollpullover, dass sich Amerika schon wieder um Kopien bemüht. Vor kurzem hat die Schauspielerin und Produzentin Anna Paquin («The Piano», «True Blood») die Rechte an «Broen» gekauft. Eine erfolglose amerikanische Fassung von «Forbrydelsen» gibt es bereits, aus Kopenhagen wurde Seattle, aus Sarah Lund Sarah Linden, aus einer toten 19-Jährigen eine ermordete Kinderprostituierte; es gab Action statt Alltagstauglichkeit.

Man muss hier allerdings ein Nachsehen haben mit den Amerikanern, es handelt sich schliesslich um einen Akt der Wiederaneignung. Denn die Dänen, diese alten Vikinger, klauen gern und ungeniert. Die Rätselhaftigkeit von Sarah Lunds erstem Fall etwa hat etwas von «Twin Peaks», das Zeitmanagement erinnert an «24», die Street-Credibility stammt aus «The Wire». Die rücksichtslose Egomanie der Sarah Lund gleicht jener von «Dr. House». Und «Borgen» ist sowieso die dänische Fassung von «The West Wing». Doch wo es bei den Amerikanern auch pathetische Höhepunkte gibt, zeigt «Borgen» konsequent nichts anderes als die irreversible Erosion politischer Ideale.

Die Zauberformel

Die Verdichtung, die radikal anspruchsvolle architektonische Sorgfalt des Plots, die Natürlichkeit der Figuren und ihrer Dialoge, die Ausführlichkeit der Milieus, die geradezu stoische Objektivität und Korrektheit, mit der die grossen Traumata einer Nation, etwa Dänemarks Afghanistan-Einsatz nach 9/11, behandelt werden: Die sind dänisch. Und die verdanken sich zuallererst der grosszügigen dänischen Drehbuchautorenförderung, die mehr Zeit und Autonomie gewährt als in jedem andern Fernsehland. Und der über Jahre erprobten Zauberformel, dass es exakt drei Autoren für ein Drehbuch braucht und drei Staffeln für eine Serie.

Weniger bringt in beiden Fällen zu wenig, und mehr verwässert in beiden Fällen das Konzept. Die nötigen Handwerker in Wort und Bild holt sich das dänische Staatsfernsehen Danmarks Radio an der nationalen Filmschule in Kopenhagen, wo auch die Revoluzzer des dänischen Kinos herkommen, also Lars von Trier, Thomas Vinterberg, Bille August, Susanne Bier oder Nicolas Winding Refn («Drive»). Belohnt wird das mit Einschaltquoten von bis zu 80 Prozent.

Danmarks Radio ist mit seinen sechs komplett werbungsfreien Kanälen bei 5,6 Millionen Einwohnern und ähnlichen Gebühren wie die Schweiz nicht übermässig reich. Aber äusserst innovativ und ehrgeizig. Die Drehbucharbeiten für «Borgen» sind nun abgeschlossen, die dritte und letzte Staffel befindet sich derzeit in Produktion, aber die Autoren schreiben schon weiter. «Legacy» heisst ein neues Projekt, es geht da um das Vermächtnis einer Künstlerin; «Follow the Money», eine Wirtschaftsweltstudie, ist ein anderes.

Tages-Anzeiger

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