Zum Hauptinhalt springen

Die richtige Ärzteserie auf dem falschen Sendeplatz

Feinstes TV-Serienhandwerk, aber wo bleibt das Publikum? Die öffentlich-rechtliche Arztpraxis aus «Tag und Nacht» krankt an schwachen Quoten. Warum eigentlich?

«Stronger» singt Katy Winter jede Woche im Titelsong, aber das klingt immer mehr wie ein verzweifelter Wunsch. Nach sie­ben Folgen «Tag und Nacht» hat die erste Ärzteserie des Schweizer Fernsehens SF immer noch keine Medizin gefunden, um ihre einzige Dauerpatientin aufzupäppeln. Die Patientin heisst Einschaltquote.

Seit die Arztpraxis im Zürcher Haupt­bahnhof am 5. September auf Sendung ging, leidet die Nachfolgeserie von «Lüthi und Blanc» unter chronischem Zuschauer­schwund. Bei der ersten Folge von «Tag und Nacht» betrug der Marktanteil noch ordentliche 31 Prozent, jetzt scheint sich die Einschaltquote allmählich mehr als zehn Prozent tiefer einzupendeln. Doch 330'000 Zuschauer oder rund 20 Prozent Marktanteil, wie am letzten Freitagabend zur Primetime im ersten Programm – das ist massiv zu wenig auf einem Sendeplatz, für den beim Schweizer Fernsehen inoffi­ziell eine Quote von 30 Prozent als Mini­malziel gilt. Zum Vergleich: Die Schoggi­Familie aus «Lüthi und Blanc» erreichte bei den ersten sieben Folgen im Herbst 1999 einen Marktanteil von 33 Prozent und durchschnittlich 703'000 Zuschauer – fast doppelt so viele wie jetzt das Ärzteteam um Dr. Meret Frei.

Zu jung und nicht bieder genug

Ferndiagnosen zur schwächelnden Ärz­te-Soap kursieren viele, aber die popu­lärste davon ist falsch: «Tag und Nacht» ist nicht die schlechtere Serie als «Lüthi und Blanc», ganz im Gegenteil. Das Schweizer Fernsehen hat noch nie so ausgefeiltes Se­rienhandwerk produziert wie jetzt mit «Tag und Nacht». Alles andere ist falsche Schoggi-Nostalgie. Klar, Dr. Meret Frei ist nicht Dr. Meredith Grey von «Grey’s Ana­tomy». Aber sieht die Schweizer Serie im Vergleich mit den grossen US-Vorbildern deswegen gleich «alt und bieder» aus, wie Roger Schawinski in der «NZZ am Sonn­tag» meinte? Das Gegenteil ist der Fall, und hier liegt die Ursache für das Quotenpro­blem für «Tag und Nacht»: Die Ärzteserie ist, wenn überhaupt, zu jung und nicht bie­der genug für das Publikum am Freitag-abend. Und sie ist filmisch so geschliffen gestaltet, wie man sich das von Schweizer TV-Serien nicht gewohnt ist.

Das ist umso erstaunlicher, als die aus­führende Produktionsfirma C-Films für die Ärzteserie mit ihren jeweils 45-minüti­gen Episoden mit demselben Budget aus­kommen muss wie einst für die behäbigere Soap «Lüthi und Blanc», mit Folgen à 25 Minuten. Dass sich dieses finanzielle Korsett negativ auf das Arbeitsklima am Set von «Tag und Nacht» auswirke, mag Pro­duzent PC Fueter zwar nicht bestätigen: «Druck, auch finanzieller, ist nicht immer nur schlecht.» Fueter sagt aber auch: «Wir sind ganz klar am Limit.» Dass die Qualitätssteigerung gegenüber «Lüthi und Blanc» unter diesen Umstän­den überhaupt möglich war, verdankt sich laut Fueter nicht zuletzt neuen Technolo­gien. Die Kameras sind leichter, leistungs­stärker und zugleich preisgünstiger ge­worden. Die anfänglichen Tonprobleme, die den Machern viel Kritik eingetragen haben, sind inzwischen auch behoben. Dass sich SF-Direktorin Ingrid Deltenre in den Medien deshalb bereits auffällig dis­tanziert über «Tag und Nacht» äusserte, empfindet Fueter aber nicht als illoyal: «Die Kritik wurde im Publikum laut, daran gibt es nichts zu beschönigen.» Im Vergleich mit «Lüthi und Blanc» fällt allerdings auf: Nach ihrem Start hat die heimelige Familien-Soap einst in gleichem Masse Publikum verloren wie jetzt «Tag und Nacht» (siehe Grafik). Der ent­scheidende Unterschied: Die Schoggi-Dy­nastie ist damals mit viel mehr Publikum eingestiegen. Eine mögliche Erklärung da­für: Das Schweizer Fernsehen hat sich mit dem Sendeplatz für «Tag und Nacht» ver­spekuliert.

Das Gegenteil einer Telenovela

Am Sonntagabend bei «Lüthi und Blanc», gleich nach «Meteo» und der «Ta­gesschau », schaltete sich ein Publikum mit einem Durchschnittsalter von 53 Jahren zu. Bei «Tag und Nacht» nun zielten die Macher bei der Umsetzung von Anfang an klar auf ein jüngeres Publikum, wie Produ­zent PC Fueter von C-Films bestätigt – aber ausgestrahlt wird die Serie am Frei­tagabend um 21 Uhr, als Ersatz für die ab­gesetzte Sendung «Leben Live», deren Stammpublikum durchschnittlich noch äl­ter war als bei «Lüthi und Blanc».

Die neue Soap soll also jüngere Zu­schauer ansprechen, aber die Programm­leitung versorgt sie auf einem Sendeplatz, wo man gewöhnlich an genau diesem Pu­blikum vorbeisendet. Da wundert es nie­manden, dass das Durchschnittsalter bei «Tag und Nacht» nach den ersten sieben Folgen bei 56 Jahren steht. Zum Vergleich: Das Publikum, das sich am Montagabend bei den US-Ärzteserien «Dr. House» und «Grey’s Anatomy» zuschaltet, ist durch­schnittlich rund 20 Jahre jünger.

Also alles eine Frage des falschen Sen­determins? Produzent Fueter bleibt dazu diplomatisch: «Ich bin kein Programmpla­ner. » Aber glücklich scheint man über den Sendeplatz von «Tag und Nacht» auch bei C-Films nicht zu sein. Die unbefriedigen­den Zuschauerzahlen erklärt sich Fueter am ehesten mit den Sehgewohnheiten des Publikums, das am Freitagabend zur Primetime vor dem Fernseher sitze: «Die Machart von ‹Tag und Nacht› ist cineas­tisch, das pure Gegenteil einer langsam da­hinplätschernden Telenovela.» Jetzt hofft er, das ältere Publikum mit besserem Ton und einem gemächlicheren Bildrhythmus für die Serie zurückzugewinnen.

Bei der Direktion des Schweizer Fernse­hens will man mindestens die Ausstrah­lung der ersten 12 Episoden abwarten, be­vor darüber entschieden wird, ob nach 36 Folgen eine zweite Staffel folgt oder nicht. Beim Beschluss über die Zukunft der Ärz­teserie werde man «alle relevanten The­men und Fragen» berücksichtigen, erklärt SF-Direktorin Ingrid Deltenre auf An­frage: «Dazu gehört auch der Sendeplatz.» Nicht dass sich der ursprüngliche Text in Katy Winters Titelsong am Ende doch noch bewahrheitet. Die erste Fassung wurde nämlich umgeschrieben, weil der Liedtext den Fernsehchefs zu ominös klang: Statt «Stronger» sang Katy Winter in der Demoversion über ein «Disaster».

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch