«Das ist ein Witz!»

Sänger Herbert Grönemeyer überraschte als Gast der «Sternstunde Philosophie».

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Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Er ist Deutschlands Bruce Springsteen und hat die treusten Fans. Der Hobbymusiker mit Wampe gehört dazu, der einsame Taxifahrer und die trauernde Witwe, die ihren Schmerz gespiegelt fühlt in seinen Texten. «Mensch» ist das meistverkaufte deutsche Album überhaupt; er füllt die Stadien, eben weil er demonstrativ unperfekt singt. «Ich habe meine Authentizität stilisiert», sagte Herbert Grönemeyer in der SRF-«Sternstunde Philosophie» vom Sonntag, in der sich die Frage stellte: Wie philosophisch denkt der grosse Tröster?

Es war ein überraschender Gast, den Moderatorin Barbara Bleisch eingeladen hatte, und tatsächlich verblüffte er zu Sendungsbeginn mit einer optimistischen Perspektive. Das 21. Jahrhundert werde ein «Jahrhundert der Mitmenschlichkeit», sagte der Musiker und Schauspieler («Das Boot»). Weil die Menschheit zwangsläufig näher zusammenrücke, «werden wir uns wieder für den andern interessieren». Über eine politische Gestaltung dieser freundlichen Vision sagte Grönemeyer nichts, etwas voreilig lotste ihn die Moderatorin jeweils auf philosophisch weniger ergiebige Gesprächsfelder wie etwa die halbzürcherische Band Boy, die Grönemeyer unter Vertrag genommen hat (doch, deren Musik gefalle ihm gut, sagte er). Später kam Grönemeyer zurück zur Politik, enervierte sich über die Stimmengewinne der AfD und die Angst vor den Migranten: «Wovor haben wir Angst? Es ist absurd. Auf 80 Personen kommt in Deutschland ein Flüchtling. Das ist ein Witz! Das ist gar nichts!» Doch als Grönemeyer schloss, war die Sendezeit abgelaufen und eine Hinterfragung der Tirade verpasst.

Grönemeyers Domäne, das zeigte die Sendung klar, ist die am Leben geprüfte Alltagsweisheit. Mit der akademischen Philosophie kann er nicht viel anfangen, auf Bleischs Einwürfe zu Platon und Seneca reagierte er ausweichend. «Das ist vielleicht ein bisschen platt», entschuldigte er seine Ausführungen einmal selbst. Doch wenn Grönemeyer mit der Ruhe eines Buddhas über sein schreckliches Jahr 1998 redet, als in einer Woche Frau und Bruder starben und er darob emotional ertaubte, über seinen Vater, der in Stalingrad einen Arm verlor und darauf zum trotzigen Lebensgeniesser wurde, dann kann man sich dem schwer entziehen. Es war die alte, einfache, dabei unvermindert dringliche Grönemeyer-Botschaft, die der bald 60-Jährige hier überbrachte: dass ein gutes Leben nach dem Tiefschlag möglich ist.

baz.ch/Newsnet

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