Zum Hauptinhalt springen

Das Bauwerk als Bösewicht

«Tatort» am Stephanstag: «Der Turm» ist eine äusserst rätsel- und symbolhafte Geschichte, aber kein klassischer Krimi.

Der Turm ist stärker. Janneke (Margarita Broich) und Brix (Wolfram Koch) kommen gegen ihren Gegner nicht an.
Der Turm ist stärker. Janneke (Margarita Broich) und Brix (Wolfram Koch) kommen gegen ihren Gegner nicht an.
SRF

Die Leiche einer nur mit einem Slip bekleideten jungen Frau liegt auf dem Asphalt vor einem Geschäftshochhaus in Frankfurt. Über ihr Gesicht ist ein Plastiksack gezogen. Kommissarin Anna Janneke (Margarita Broich) ist vor ihrem Kollegen Brix (Wolfram Koch) am Tatort. Unter ihren Jeans trägt sie noch Pyjama-Hosen. Brix dagegen kommt wegen einer Strassenreinigungsmaschine, die in den frühen Stunden des Tages für Sauberkeit sorgt, einfach nicht voran. Janneke meint im Hochhaus jemanden zu sehen, der alles beobachtet. Sie geht rein, alleine. Schoss sie schon beim Fundort der Leiche ständig Fotos, so nutzt sie auch im Gebäude drin ihre Kamera für Aufnahmen. Als Brix endlich eintrifft, findet er kurz darauf Janneke bewusstlos in einem der Aufzüge des Gebäudes. Sie hat eine massive, blutende Kopfwunde – und Erinnerungslücken.

Der eigentliche Hauptdarsteller im neusten «Tatort» aus Frankfurt ist dieses Hochhaus. Nicht umsonst heisst diese Episode «Der Turm». Dieser Turm erscheint als Festung, als Teil einer Trutzburg. Er wird musikalisch und bildlich effizient in Szene gesetzt.

Niemand gibt Auskunft

Bald stellt sich heraus: Das Todesopfer erlag nicht den Folgen des Hochhaussturzes. Die junge Frau erstickte. Wegen Sex-Games? Wegen Asphyxie? Und, noch wichtiger: Im Turm sind unzählige Kleinfirmen untergebracht, die gemäss Recherchen von Jonas (Isaak Dentler), des Assistenten von Brix und Janneke, alle miteinander verhängt sind. Es scheinen geheimnisvolle Finanzgeschäfte dort im Turm abgewickelt zu werden. Doch niemand gibt Auskunft. Die Verantwortlichen sind offenbar so mächtig, dass es ihnen ein Leichtes ist, die Polizei auflaufen zu lassen. Staatsanwalt Bachmann (Werner Wölbern), stellvertretender Kommissariatsleiter, jedenfalls kuscht. Man macht ihn offensichtlich gefügig.

Während Janneke sich langsam erholt und die Bilder aus ihrer Kamera akribisch zu studieren beginnt, erhält Brix Besuch eines jungen Mannes namens Bijan (Rauand Taleb), der im Turm arbeitet. Ein Mathematiktalent, blitzgescheit. Bijan will etwas loswerden. Und doch nicht. Kaum macht er seinen Mund auf, taucht schon die Konzernanwältin Dr. Rothmann (Katja Flint) auf, die ihn rausbugsiert.

So läuft das in dieser Geschichte. Es werden x Fährten gelegt, es ist ganz klar, dass im «Turm» jede Menge Dreckgeschäfte laufen, aber niemand kann etwas beweisen.

Über dem Gesetz

Lars Henning (Buch und Regie) hat eine Parabel auf die Macht der Mächtigen gedreht. Sie können schalten und walten, wie sie wollen. Sie sind für die Gesetzeshüter letztlich unantastbar und vermutlich leisten sie sich neben dunklen Finanzgeschäften auch übelste Sexparties, bei denen es halt schon mal vorkommen kann, dass eine junge Frau, die sich schnelles Geld im Dunstkreis der Luxusprostitution verdienen wollte, ums Leben kommt.

«Der Turm» ist ein weiterer experimenteller «Tatort» aus Frankfurt. Durchaus rätselhaft. Das Hochhaus spielt seine Rolle bravourös. Eine ganze starke Leistung!

Ironie aus. Lars Henning gelingt es wirklich, aus einem Gebäude ein Maximum an Charakter herauszuholen und es zum Zentrum der Handlung zu machen. Ob der Zuschauer diese Art Geschichte aber goutieren wird? Das hängt stark davon ab, wie sehr man das Format Krimi liebt – inklusive Auflösung. Wer offen für Varianten ist, findet vielleicht Gefallen an «Der Turm».

«Tatort», SRF 1, Mi 26. 12, 20.05 Uhr

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch