Bachelor öffnet sich für die Liebe zwischen zwei Frauen

Das amerikanische TV-Dating geht neue Wege. Wie schwulen- und lesbenfreundlich sind deutschsprachige Kuppelsendungen?

Premiere: Erstmals öffnet sich «Bachelor in Paradise» für die Liebe zwischen zwei Frauen. (Quelle: ABC; Video: Tamedia)
Aleksandra Hiltmann@thisisAleksa

Demi Burnett steigt die Stufen der Steintreppe hoch. Hinter ihr der Strand von Sayulita, Mexiko. Sie ist Kandidatin der Kuppelsendung «Bachelor in Paradise» des US-amerikanischen Senders ABC, die aktuell über viereinhalb Millionen Zuschauende erreicht. Oben angelangt, schlägt Burnett die Hände vor dem Gesicht zusammen und beginnt zu weinen. Im nächsten Moment sieht man, wie sie eine Frau, Kristian Haggerty, umarmt. Es ist der Moment, in dem das Bachelor-Spin-off zum ersten Mal eine gleichgeschlechtliche Liebe zeigt.

Burnett machte bereits vor der gestrigen Folge öffentlich, dass sie sich nicht als heterosexuell sieht und vor der Sendung mit Haggerty zusammen war. In Mexiko wollte sie Klarheit über ihre Gefühle erlangen, bandelte mit einem männlichen Kandidaten an. Der Sender lud Haggerty hinter Burnetts Rücken ein, ins «Paradise» zu kommen. «In der Sekunde, in der ich dich sah, wusste ich genau: Du bist es. Und du warst es immer. Ich will für immer mit dir zusammen sein», sagte Burnett nach ihrem ersten Aufeinandertreffen. Nun werden die beiden Frauen ihre Beziehung im Verlauf der Staffel weiter entdecken.

Für LGBTQ-NGO «bahnbrechend»

Der Moderator der Sendung, Chris Harrison, sagte dem «Hollywood Reporter», er sei nicht sicher, wie man mit Burnetts Situation vor einigen Jahren umgegangen wäre. «Aber so, wie wir die Show jetzt gestalten, liessen wir es auf uns zukommen.» Die Sendung sei ein Mikrokosmos dessen, was in der Welt geschehe. Haggerty ausserplanmässig einzuladen, sei eine moderne Weiterentwicklung des Formates – sie war nicht wie alle anderen Kandidierenden bereits Gast in anderen Bachelor- und Bachelorette-Formaten. Und die Regeln werden wohl in der nächsten Folge weiter gebrochen, wenn Burnett ihre Rose Kristian Haggerty geben wird – bisher vergaben die Kandidierenden ihre Rosen nur an Personen des jeweils anderen Geschlechts.

Glaad, eine US-amerikanische NGO, die sich für eine angemessene Repräsentation der LGBTQ-Community in den Medien einsetzt, zeigte sich erfreut über die jüngste Folge von «Bachelor in Paradise». «Demi Burnetts Coming-out-Geschichte zu zeigen und den Weg, den sie ging, um ihre queere Identität zu akzeptieren, ist wegweisend für die Serie», sagte Anthony Ramos, Head of Talent Engagement von Glaad in einer Mitteilung. Millionen Leute auf der ganzen Welt würden Bachelor- und Bachelorette-Formate schauen. Eine gleichgeschlechtliche Beziehung auf eine ehrliche Art mit einzubeziehen habe die Kraft, Vorurteile gegen die LGBTQ-Gemeinschaft zu entkräften.

Im englischsprachigen Raum haben sich über die letzten Jahre diverse Datingsendungen gegenüber gleichgeschlechtlicher Liebe geöffnet, unter anderem «Love Island UK» oder MTVs «Are You the One?». Auf Netflix kommen sich queere Personen unter anderem in der Realityserie «Dating Around» näher. Ansonsten überwiegen fiktionale Formate, welche sich mit queeren Themen beschäftigen und in denen die Schauspieler und Schauspielerinnen entsprechend diverse Charaktere verkörpern.

Schwule Bauern, lesbische Bräute

Bei Schweizer Datingformaten des Senders 3+ gab es bisher keinen vergleichbaren Fall und auch keine vergleichbare Sendung. Auf Anfrage schreibt 3+, dass ein solches Format nicht geplant sei.

In den Bachelor- und Bachelorette-Sendungen gab es lediglich offen bisexuelle Kandidaten und Kandidatinnen. Bei «Bauer, ledig, sucht» hingegen suchen seit mehreren Jahren auch schwule Landwirte nach Partnern. In einem Interview mit «20 Minuten» zum 10-Jahr-Jubiläum der Sendung forderte Moderator Marco Fritsche letztes Jahr: «Eine lesbische Bäuerin, ein schwuler Bauer – meldet euch! Wir sind dabei, wenn ihr dabei seid.» Er findet, Homosexuelle seien im Format bisher untervertreten.

Schaut man sich in deutschen Dating- und Reality-TV-Formaten um, suchen in «Zwischen Tüll und Tränen» auf Vox auch gleichgeschlechtliche Paare Brautkleider und Anzüge. Eine der Brautausstatterinnen ist zudem auf Brautmode für lesbische Paare spezialisiert. Auf demselben Sender werden in «First Dates» Männer bei ihren ersten Treffen bei einem Nachtessen begleitet. Ein Frauenpaar war bisher noch nicht zu sehen.

Bei «First Dates» sitzen regelmässig Männerpaare beim Abendessen. Bild: Screenshot Vox

In der Kultserie «Bauer sucht Frau» auf RTL suchten in der Vergangenheit sowohl Männer als auch Frauen nach gleichgeschlechtlichen Partnern und Partnerinnen. Im Juni 2019 verkündete RTL, dass ab November die erste «Gay-Dating-Reality-TV-Show in Deutschland» zu sehen sein werde, auf dem Streamingportal TVNOW. In «Prince Charming» werden Männer Männer treffen.

«Das wollen wir auch»

Roman Heggli von der Schwulenorganisation Pink Cross steht diesem Format kritisch gegenüber. «Eine Datingshow nur für schwule Männer ist genauso inklusiv wie nur für heterosexuelle Personen – nämlich gar nicht.» Er wünscht sich, dass sämtliche TV-Formate dieser Art offen sind für alle. Die sexuelle Orientierung sollte dabei kein Kriterium dafür sein, ob jemand mitmachen kann oder nicht. Den Medienrummel um die besagte «Bachelor in Paradise»-Folge versteht er nicht. Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass dort auch Homosexuelle nach einem Partner oder einer Partnerin suchen.

Anna Rosenwasser, Geschäftsführerin der Lesbenorganisation Schweiz (LOS) kann Hegglis kritische Haltung nachvollziehen, findet das Format jedoch «cool». «Das wollen wir lesbischen Frauen auch», sagt sie und weist darauf hin, dass gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Frauen im Fernsehen noch unsichtbarer ist als jene zwischen Männern. Das sei mitunter ein Grund, weshalb lesbische Frauen als noch weniger normal als schwule Männer angesehen werden, so Rosenwasser. Sie schlägt vor, die TV-Landschaft nebst Dating für Schwule und Lesben mit einem Format für Bisexuelle aufzumischen, denn auch diese Gruppe werde medial viel zu wenig anerkannt. «Was wir im TV sehen, prägt, was wir als normal empfinden», ist sie überzeugt.

Der Sender 3+ war für eine Stellungnahme vor Redaktionsschluss nicht erreichbar.

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