TV-Kritik: Hiebe, Spott und Ignoranz

TV-Kritik

Anlässlich des Falls Hingis diskutierte man im «Club» über weibliche Gewalt gegen Männer. Eine schwierige Suche nach Antworten.

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Gabriela Braun@tagesanzeiger

Sie schlägt ihn, zerkratzt sein Gesicht, bedroht ihn immer wieder: Auch Männer sind Opfer von häuslicher Gewalt – mehr, als man annimmt. Ein Viertel der Betroffenen sind Männer, zeigt die Statistik. Über 2200-mal erstatteten sie deswegen im vergangenen Jahr Anzeige. Dennoch gilt das Thema noch immer als Tabu. Betroffene Männer und Frauen reden nur ungern darüber. Das Thema des gestrigen «Clubs» versprach also interessant zu werden – auch wenn der Anlass dafür ein schwacher war: die Prügelvorwürfe gegen Ex-Tennisstar Martina Hingis. Ob und wie viel an der Geschichte dran ist, weiss niemand wirklich. Das sei aber eigentlich auch egal, sagte Psychoanalytiker Jürg Acklin. «Wichtig ist, dass über das Thema geredet wird.»

Berührender Fall

Unter der Leitung von «Club»-Moderatorin Karin Frei diskutierten neben Acklin, Pfarrer und Männerhaus-Leiter Andreas Cabalzar, Polizistin Corinne Greuter, Psychotherapeutin Franziska Greber sowie Oliver Hunziker, Präsident von VEV Schweiz, einem Verein, der sich «Verantwortungsvoll erziehende Väter und Mütter» nennt. Wobei auch ein Betroffener zu Wort kam, ein Mann namens Erich. Er sass nicht in der sechsköpfigen Runde, da er unerkannt bleiben wollte. Doch der kräftige Handwerker erzählte in Videoeinspielern seine Geschichte. Wie seine Frau mit Fäusten auf ihn einschlug, das gemeinsame Kind dabei nur knapp verfehlte. Der Mann danach zur Polizei ging, man ihn dort und auch bei der Notfallpsychiatrie abwies. Die Behörden sahen ihn nicht als Opfer – im Gegenteil, man überliess seiner Frau das Kind. «Es war hoffnungslos, und ich fühlte mich nicht ernst genommen», erzählt Erich. Einer Frau wäre das in derselben Situation sicher nicht passiert.

Die Geschichte des jungen Mannes berührte und ist gemäss den Studiogästen typisch für das Thema. «So läuft es häufig», weiss Oliver Hunziker. Die Polizei schätze die Situation oft falsch ein, sodass die Männer in einer ersten Reaktion als Täter abgestempelt würden. Das könne verheerend sein, denn danach werde es für die betroffenen Männer, die häufig auch Väter seien, oft schwierig. Sie würden den Täterstempel kaum mehr loswerden, vor allem bei den Behörden.

Am schwierigsten ist es für geschlagene Männer allerdings, mit sich selbst klarzukommen. Erich erzählte, wie allein er sich gefühlt habe. Er konnte mit niemandem darüber reden – «und es war hart, sich einzugestehen, dass man Opfer ist». Doch was ist der Grund, dass Frauen zuschlagen und gegenüber ihrem Freund, Mann, den eigenen Eltern oder Kindern gewalttätig werden? Dass hinter jeder vierten Anzeige wegen häuslicher Gewalt eine weibliche Täterin steckt? Wurden sie als Kind selbst geschlagen und werden deshalb als Erwachsene vom Opfer zur Täterin?

«Lebendige Streitkultur»

Die Runde versuchte im zweiten Teil der Sendung solche Fragen ansatzweise zu erörtern. Die veränderten Rollen der Geschlechter wurden als möglicher Grund genannt, vor allem jene der Frauen. Auch die noch fehlende echte Gleichstellung erwähnte man – und dass Mütter deswegen allenfalls zu Frust und Aggressionen neigten, weil sie für das Kind ihren Beruf aufgeben würden und vom Partner finanziell abhängig seien. Gemäss Acklin durchaus Gründe für eine Eskalation. Doch das klang alles sehr unsicher und nach Spekulation. Man hätte lieber Fakten gehört. Konkrete Beispiele aus der Praxis – oder Erklärungen einer Täterin etwa.

Stattdessen franste das Ende der Sendung aus. Pfarrer Cabalzar und Psychoanalytiker Acklin starteten eine Diskussion über eine «lebendige Streitkultur», während Psychotherapeutin Greber als Einzige versuchte, das Gespräch auf das eigentliche Thema zu lenken. Doch dann war die Sendung auch schon zu Ende.

baz.ch/Newsnet

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