TV-Kritik: «Genug Schlaf und Kaffee tuns auch»

TV-Kritik

Seit zehn Jahren ist Botox zugelassen und die Anwendung boomt auch in der Schweiz. Im «Club» wurde über Pro und Contra des Faltenkillers geredet. Die Diskussion verlief etwas zu glatt.

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Liegt es an den Schönheitsidealen der Gesellschaft oder am Druck der Medien? Oder haben viele Menschen generell ein Problem mit dem Älterwerden und dem damit einhergehenden körperlichen Verfall? Fakt ist: Zehn Jahre nach der Zulassung gibt es in der Schweiz jährlich über 200'000 Anwendungen von Botulinumtoxin, das die Haut strafft und Falten wegmacht. Das Nervengift wäre vor allem für die Behandlung der sogenannten Zornesfalte gedacht gewesen, wurde aber schnell aufs ganze Gesicht angewandt.

Moderatorin Mona Vetsch suchte mit ihren Gästen nach den Gründen für diesen Boom. Bei der Suche nach Gesprächspartnern war sie offenbar vielfach auf Schweigen gestossen; Schönheitsoperationen scheinen immer noch ein Tabu zu sein.

Offene Gäste

Ihre Gäste redeten trotzdem sehr offen darüber – ein Arzt und eine Ärztin, zwei Frauen mit Botox-Erfahrungen und zwei Skeptikerinnen. Geschäftsfrau Corinne Hobi steht zu ihren Injektionen und wirkt dabei sehr überlegt und kontrolliert. Botox gehört für sie zur Schönheitspflege dazu. Zu den Usern gehört auch Arzt Dan Iselin, der in seiner Klinik verschiedene Anwendungen anbietet. Er sei das Versuchskaninchen und wolle selber wissen, was er anbiete, mache es aber natürlich auch aus Eitelkeit. Er redete konsequent von Kunden statt von Patienten und machte klar, dass es eine Lifestyle-Behandlung ist. Er bietet Walk-in-Behandlungen an, betonte aber die Seriosität seines Geschäfts.

Doch soll Medizin überhaupt solche Funktionen wahrnehmen? Susanne Brauer, Mitarbeiterin der Nationalen Ethikkommission für Humanmedizin, liess durchblicken, dass sie es für fragwürdig hält, wenn die Medizin ihr angestammtes Geschäft – also Therapie, Prävention und Linderung – verlässt. Kann es die Aufgabe der Medizin sein, ästhetische Wünsche zu erfüllen? Wie weit kann das «ästhetische Enhancement» gehen?

«Sie sehen müde aus heute»

Was treibt denn die Leute überhaupt dazu? Bei Bea Petri war der ausschlaggebende Moment, als ihr eine Kundin sagte: «Sie sehen müde aus heute. Geht es Ihnen nicht gut?» Die Fremdwahrnehmung, die Attraktivität für andere, ist ein ganz wichtiges Kriterium. Petri gab zu, dass sie grosse Mühe mit dem Altern hatte und lange brauchte, um sich in ihre neue Rolle zu finden. Als Einzige gab sie auch ihr Alter preis. Sie fühle sich heute wohl mit sich selbst. Das tut auch Grazia Covre: Die ehemalige Tänzerin und Choreografin meinte, Körper und Seele müssten im Einklang sein, und Botox würde nur eine Maske aufsetzen. Wichtig sei die innere Frische. Was etwas esoterisch klingt, scheint zutreffend: Zu oft wäre eine psychotherapeutische Behandlung wohl angebrachter. Aber solche Leute wollten sich der Kamera wohl nicht stellen.

Der ästhetische Druck ist nicht nur auf Frauen hoch, sondern auch auf Männer, vor allem auf Manager, die immer wie 40 aussehen und trotz 18 Stunden Arbeit am Tag auch immer frisch wirken sollen. Insgesamt wurde aber viel mehr von Frauen gesprochen, gerade von jungen, zwischen 20 und 40, die sich an einem angeblichen Schönheitsideal orientieren, das von der Gesellschaft vorgegeben und von den Medien propagiert wird. Die Männer gingen dabei etwas unter, ob zu Recht oder nicht, blieb unklar.

Den Drang nach ewiger Jugend oder sogar nach Unsterblichkeit machte Claudia Meuli-Simmen, Fachärztin und Vertreterin des Verbandes der Schönheitschirurgen, als wichtigen Grund aus. Oft kämen auch Leute mit unrealistischen Vorstellungen. Und manchen Patienten empfehle sie eine Reise statt einer Behandlung. Hier hatte auch Susanne Brauer eine Alternative bereit: «Genug Schlaf und Kaffee tuns auch.»

Regulierungen und Kosten

Vetsch sprach einige Kritikpunkte an, wie jenen, dass Botox mit Tierversuchen getestet wird und so 600'000 Mäuse pro Jahr sterben. Einen Punkt liess sie aber aussen vor und blockte auch ab, als er gegen Schluss aufkam: die Kosten. Wie teuer ist so eine Behandlung? Wer leistet sich das, und von welchem Geld? Das bezahlt keine Krankenkasse. Und in mageren Zeiten und während Wirtschaftskrisen werden offenbar weniger Schönheitsoperationen gemacht.

Zum Schluss mochte niemand Botox verdammen oder hochjubeln. Es ist eine Möglichkeit, und sie wird genutzt. Man war sich einig, dass Missbrauch verhindert werden soll durch stärkere Regulierung. Ansonsten wurden die verschiedenen Positionen sachlich diskutiert und keine kontroversen Positionen eingenommen. Es blieb glatt und oberflächlich. Risiken und Nebenwirkungen des verschreibungspflichtigen Medikamentes Botulinumtoxin wurden meist ausgeblendet.

baz.ch/Newsnet

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