TV-Kritik: Berlusconi und Antidepressiva

TV-Kritik

Sex mit Minderjährigen, Medienzensur, Manipulation – kein Skandal kann Silvio Berlusconi wirklich etwas anhaben. Ein Dok-Film suchte nach Gründen und fand viele rosarote Brillen.

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Denise Jeitziner@tagesanzeiger

Silvio Berlusconi hat sogar einen eigenen Song, «Meno male che Silvio c'è». Es ist eine italienische Schnulze, zu der es sich wunderbar eng umschlungen tanzen liesse, wenn der Geliebte denn da wäre. Und weil dieser Geliebte, Silvio Berlusconi, entweder mit Regieren beschäftigt ist oder in seiner Villa mit minderjährigen Freundinnen der Familie oder anderen hübschen Frauen rummacht, müssen die Silvio-Fans halt alleine tanzen. Das macht den italienischen Mammas und Nonnas überhaupt nichts aus, schwingen sie ihre Hüften halt alleine, wenn Silvios Song aus den Lautsprechern dröhnt. Und kreischen und hüpfen später wie Teenies. So etwas passiert bei unseren Politikern wie Johann Schneider-Ammann, Ueli Maurer oder Didier Burkhalter nicht.

Seit rund 15 Jahren dominiert Silvio Berlusconi die italienische Politik und schafft es, jeden Skandal mehr oder weniger unbeschadet zu überstehen; egal ob innen- und aussenpolitische Fehltritte, Interessenskonflikte, strafrechtliche Verurteilungen oder Sexskandale. Wie macht der das bloss? Das versuchten die Macher des Dok-Films «Silvio Berlusconi – Einer von uns» im vergangenen Frühling kurz vor den Regionalwahlen herauszufinden. Gestern war das Resultat auf SF zu sehen, zum 150-Jahr-Jubiläum der italienischen Einheit.

«Wenigstens eine Wahrheit»

Eines vorweg: Berlusconi-Gegner fanden die sechs italienischen Filmemacher scheinbar so gut wie keine, bloss die Oppositionsgruppe «Popolo Viola». Abgesehen davon konzentrierten sie sich auf ganz normale Silvio-Fans: Einen energischen Taxi-Chauffeur, der sich mit beiden Händen aufregte, während er sich weiter durch den italienischen Verkehr schlängelte, einen Lega-Nord-Anhänger, der über die Ausländer polterte und im Scheinwerferlicht Wahlplakate der Gegner überklebte, oder die Nachwuchspolitikerin Emanuela, die sich nichts Schöneres vorstellen konnte, als ihren Geburtstag an einer Wahlveranstaltung zu feiern. «Berlusconi hat diese neue Form der Kommunikation. Er spricht sogar zu den Leuten in Sozialsiedlungen», schwärmte sie mit verklärtem Blick. Er sage immer genau das, was er vorhabe.

Der Unternehmer Gianluca, der ein Magazin namens «Ego» mit vielen leicht bekleideten Frauen herausgibt, findet es faszinierend, wie Berlusconi Gefühle vermittelt. «Er hat uns gelehrt, die Welt mit einem Lächeln zu sehen.» Die Journalistin der Tageszeitung «Il Giornale» erzählt, dass neutrale Zeitungen momentan einen schwierigen Stand hätten in Italien. Sie selber versuche jedoch, Dinge möglichst von allen Seiten zu betrachten und immer ihre Würde zu bewahren, indem sie wenigstens eine Wahrheit schreibe. «Il Giornale» gehört übrigens Berlusconis Bruder. Die Organisation «Reporter ohne Grenzen» hat eine Rangliste herausgegeben, in denen die Pressefreiheit aller Länder der Welt beurteilt wird. Italien rangiert auf Platz 49.

«Einer, der noch schlimmer ist?»

Der Dok-Film lieferte spannende Einblicke, wie Silvio Berlusconis Anhänger ticken, das ganz normale Stammtischvolk, und gibt ein paar Antworten für all jene, denen es unverständlich ist, dass Berlusconi sich trotz aller Skandale immer noch als «Presidente» halten kann. Obwohl, wie wir nebenbei erfahren, der Konsum von Antidepressiva sich in den vergangenen acht Jahren verdreifacht hat und sich nur 39 Prozent der Einwohner einen Zahnarztbesuch leisten könnten.

Doch bei so vielen Italienern, die ihren Silvio geradezu anhimmeln und nichts auf ihn kommen lassen, ist es nicht verwunderlich, dass er tun und lassen kann, was er will. Die Regionalwahlen haben Berlusconis Partei und diejenige des Koalitionspartners Lega Nord jedenfalls haushoch gewonnen. Er helfe den Armen, während andere nur Geld machen wollten, und er treffe Entscheidungen, was niemand sonst könne – das sind die Hautargumente seiner Anhänger. Ausserdem sei die Opposition nicht zu gebrauchen, habe sie doch keine Argumente, als bloss auf Berlusconis Frauengeschichten herumzureiten.

Doch was, wenn Berlusconi eines Tages genug davon hat, den Armen zu helfen, was, wenn er zurücktritt oder stirbt? Ein Horrorszenario für die «Il Giornale»-Journalistin: «Dann gibt es niemanden mehr, der Entscheidungen trifft. Das wäre ein grosses Problem.» Auch die Nonna einer der führenden Köpfe der Oppositionsgruppe «Popolo Viola» will, dass Berlusconi bleibt, obwohl sie ihn gar nicht mag. Denn was, «wenn ein anderer kommt, der noch schlimmer ist?» Das Prinzip des kleineren Übels.

baz.ch/Newsnet

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