TV-Kritik: 160 zähe Fernsehminuten

TV-Kritik

Didier Cuche ist der Schweizer des Jahres 2011. Um das zu erfahren, mussten die Zuschauer sich gestern Abend lange quälen. Einen Lichtblick gab es aber.

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Franziska Kohler@tagesanzeiger

Viktor Giacobbo hatte einen Plan: Still und leise wollte er sich an all den Kameras und Mikrofonen vorbei drücken, die vor dem Zürcher Hallenstadion aufgebaut waren, um den Roten Teppich unentdeckt zu passieren. Doch Moderator Sven Epiney konnte er kein Schnippchen schlagen – erbarmungslos zerrte dieser den Satiriker doch noch vor die Kamera, um ihn zu einem Statement zu den Swiss Awards 2011 zu nötigen. Er sei eigentlich nur hier, um live von der Veranstaltung zu twittern, liess Giacobbo daraufhin verlauten.

Viel mehr als 140 Zeichen bräuchte es eigentlich auch gar nicht, um die wichtigsten Ereignisse des Abends zusammenzufassen: Skirennfahrer Didier Cuche erhielt die Trophäe als Schweizer des Jahres 2011. Dies, nachdem er im Dezember bereits zum Sportler des Jahres gewählt worden war. Das ist ok, schliesslich hat er schon so ziemlich alles gewonnen, was es im Skisport zu gewinnen gibt. Im Hinblick auf die Gewinner der vergangenen Jahre macht dieser Sieg auch durchaus Sinn: Die Schweizer verleihen ihren Award grundsätzlich nur an Ihresgleichen – bescheidene Persönlichkeiten also, mit denen sie sich identifizieren können. Der Weg zum Award war allerdings eher beschwerlich, teilweise sogar befremdlich.

Die Königin der Überleitungen

Er begann wie immer auf besagtem Roten Teppich, den Viktor Giacobbo offenbar so fürchtet. Er steht mit dieser Abneigung nicht alleine da: Richtig wohl zu fühlen schien sich keiner der Gäste beim Schaulaufen vor den anwesenden Medienleuten. Zu sehen waren beispielsweise Eiskunstläuferin Sarah Meier, der Abenteurer Bertrand Piccard (O-Ton Christa Rigozzi: «Er isch doch der mit de Ballon!») oder SBB-Chef Andreas Meyer («Er isch doch der mit de Isebähnli!»).

Erwartet wurden die Gäste von einer in schwarzen Tüll gehüllten Sandra Studer. Schon zum zehnten – und letzten – Mal führte sie als Moderatorin durch die Swiss Awards. Das tat sie gewohnt fehlerfrei. 2011 sei das Jahr der «Downgrades» gewesen, meinte sie einleitend: Für die Schweizer Fussballer genauso wie für Atomkraftwerke und die verschuldeten EU-Staaten, «und ein böses, böses Bakterium war schuld, dass Gurken ihr erstklassiges Rating verloren.» Ehec, Fukushima, EM-Qualifikation und Eurokrise in einem Satz – was für ein Themenbogen. Und es wurde noch besser: «Am Swiss Award wird aber niemand down-, sondern nur upgegraded» – was für ein Übergang. Überhaupt setzte sich Sandra Studer vor allem mit Überleitungen und Wortspielen von zweifelhafter Kreativität in Szene. Der Rapper Stress beispielsweise habe ein schwieriges Jahr gehabt, «zuerst hatte er Rücken-, dann Trennungsschmerzen.»

Ein Rückblick auf all die Rückblicke

Upgegraded wurde dann insgesamt fünf Mal. Freddy Nock, Hochseilartist und sechsmaliger Weltrekordhalter, gewann den Award in der Kategorie Show. Er hatte gar nicht damit gerechnet, sich gegen die Rapper Bligg und Stress durchzusetzen, und war dementsprechend fast sprachlos vor Glück. Die weiteren Gewinner waren Victorinox-CEO Carl Elsener in der Kategorie Wirtschaft, die St. Galler FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter im Bereich Politik sowie die Theaterformation Mummenschanz in der Sparte Kultur. Der Gesellschafts-Preis ging an die beiden Solar-Impulse-Pioniere Bertrand Piccard und André Borschberg.

So schleppte sich die Sendung dahin, unterbrochen immer wieder von Sven Epiney und Christa Rigozzi in ihrer Funktion als Ermittler der sechs Millionengewinner. Alle Millionenlos-Besitzer hofften darauf, ihre Gewinnzahl auf dem Bildschrim aufleuchten zu sehen – viele schauten wahrscheinlich nur deshalb zu. Hierzu ein weiterer kreativer Beitrag von Sandra Studer: «Wir spannen nicht nur einen, sondern sechs Rettungsschirme auf.»

Auch die obligatorischen Rückblicke aufs vergangene Jahr durften natürlich nicht fehlen. Höhepunkt war der Rückblick auf 10 Jahre Swiss Award – ein Rückblick also auf all die Rückblicke, sozusagen.

Vreneli will sich nochmals verlieben

Man war darum fast erleichtert, als endlich alle Awards vergeben und Millionen verteilt waren. Eine Szene gab es dann allerdings doch noch, welche die 160 zähen Minuten fast wieder wettmachte: Mit Lilo Pulver durfte eine der grössten Schweizer Schauspielerinnen aller Zeiten den Lifetime-Award, die Auszeichnung fürs Lebenswerk, entgegennehmen.

Sichtlich gerührt nahm die 82-Jährige, die in den 50er Jahren als Vreneli mit «Ueli der Knecht» bekannt wurde, die Trophäe in Empfang. Wunschlos glücklich sei sie nun allerdings noch nicht. Denn sich nochmals zu verlieben, dagegen hätte sie nichts – «ja, das wär scho no schön.» So fand der Abend der grossen Übergänge und Rückblicke dann doch noch einen versöhnlichen Abschluss.

baz.ch/Newsnet

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