Programmiert auf Rache

Berliner «Tatort»: In einem Fall hat das Wildschwein die Drecksarbeit erledigt, im anderen der Roboter. Der war programmiert von der gehörnten Ehefrau. Und das Wildschwein?

Der Roboter ersetzt den Barista, und offenbar auch den Mörder des Kioskbetreibers.

Der Roboter ersetzt den Barista, und offenbar auch den Mörder des Kioskbetreibers.

(Bild: Das Erste)

Aleksandra Hiltmann@thisisAleksa

Der Puls der Grossstadt zieht rein. Töne und Bilder wie ein experimentelles Gedicht über die Berliner Nacht. Die einen können noch nicht schlafen, die anderen stehen schon wieder auf. Einer ist tot. Kioskbetreiber Menke. Sauber wurde er eliminiert. Mit einem Stich in den Hals.

Nicht ganz sauber dagegen scheint seine Frau. Aber darf man Menschen, die mit zu vielen Haustieren wohnen und für diese die halbe Wohnung mit Sägespänen auslegen, gleich verurteilen? Oder den kauzigen Alten mit dem Fernglas, der nicht so recht zu wissen scheint, was er gesehen hat und was er wünschte gesehen zu haben? Doch das vergisst man schnell zwischendurch. Denn wenn der alte Mann von der vermeintlichen Tatnacht erzählt, dann tut er das poetisch. Der Raum seiner kleinen Wohnung wird aufgelöst durch die tragende Musik und die verschwommenen Bilder. Wie in einem anderen Film.

Auf dem Boden der Realität bahnt sich derweil das zweite Unglück an. Bäcker Gröning vermisst seine Frau. Bald schon wird diese tot im Wald gefunden mit zerfleischtem Oberschenkel. Ein wütendes Wildschwein. Aber der Menke vom Kiosk?

Der gehässige Ermittler Karow begibt sich ins Labor der Zukunft. Ins Haus, aus dem die Baristaroboter kommen, die für Menkes Kunden Kaffee ausgeschenkt haben. Verboten, düster, clean, das Robolab. Mordanschuldigungen gegen seine Roboter hört der Entwickler gar nicht gern und lässt seine Armprothese hervorblitzen. Roboter sparen Zeit, geben Würde. Der Mensch überlebt dank bedingungslosem Grundeinkommen. Grosse Welten tun sich auf. Wann ist Technologie gut, wann böse? Wer ist schuld, wenn der Roboter tötet?

Alles Menschen, alles Tiere

Dem Alten ist was eingefallen. Er hat die Nächte verwechselt. Und dann ist da diese Erinnerung von der Frau, die im Kaffeekiosk mit dem Roboter tanzt. Es sollte der Totentanz werden, mit dem die Zuchtkatzenfrau den Roboter die Bewegungen lehrt, mit denen er die Kaffeedüse in den Hirnstamm ihres untreu gewordenen Mannes rammen wird.

Filmisch nüchtern gehalten passiert dieser Mord. Ästhetisch, fast, als handle es sich um einen Versuch im Labor. Aber es war kein Versuch. Es war Rache, die nicht zurückbringt, was man verloren hat. Menkes Frau, die sich nicht nur mit Katzen, sondern auch mit IT auskennt, weiss das jetzt. Und der Bäcker?

Wie beim Roboter stellt sich auch hier die Frage: Wer stand hinter dem Wildschwein? Ist das Tier der Mörder oder derjenige, der es unterliess, seine verblutende Frau zu retten, weil sie Kinder mit einem anderen, einem ohne Gendefekt, wollte?

Ein «Tatort», der zwischen zwei Fällen viele grosse Fragen aufwirft und den Zuschauer mit grossartigen Bildern und hypnotisierenden Klängen davonträgt, in die düsteren Ecken des Grossstadtzoos.

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