Ein höflicher japanischer Fusstritt

In «Aufräumen mit Marie Kondo» stellen sich Familien ihrem Chaos. Die Netflix-Serie spornt an, gleich selbst loslegen zu wollen. Besonders ein Tipp wirkt.

Ordnung und Minimalismus als neues Lebensgefühl. Wie das geht, zeigt Marie Kondo auf Netflix. Quelle: Youtube

Aleksandra Hiltmann@thisisAleksa

Bei den Akiyamas stapelt sich das Material bis zur Decke. Kleider, Baseballsammelkarten, Weihnachtsdeko. Dabei sprechen wir hier noch nicht einmal von der Garage. Auch die ist zum Bersten voll.

Doch dann kommt Marie Kondo, die Aufräum-Kaiserin Japans. Das Unmögliche wird möglich.

In der ersten Staffel der Netflix-Serie «Aufräumen mit Marie Kondo» besucht die Japanerin acht Paare und Familien in den USA. Darunter sind werdende Eltern, Eltern mit Kleinkindern, Paare, deren Kinder das Haus bereits wieder verlassen haben, frisch Umgezogene, frisch Verheiratete, Verwitwete. Sie alle eint: Sie haben viel Besitz und wenig Ordnung. Sie alle brauchen Unterstützung beim Entrümpeln. Sie alle kriegen Besuch von Marie Kondo.

Sie lehrt ihre mittlerweile weltweit praktizierte «Konmari»-Methode. Sie wurde damit zur Bestsellerautorin. Das «Time»-Magazin listete sie unter den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten. Auf Instagram teilen Tausende ihre #konmari-Erfolge. Bereits gibt es das Verb «to kondo», Synonym für «decluttering», der Unordnung ein Ende bereiten.

«I love the mess»

Frau Akiyama öffnet die Tür. Die Begrüssung fällt herzlich aus. Laut und schrill, hohe Tonlagen. Amerikanische «Heys» und japanische «Konichiwas». Immer dabei: Kondos Übersetzerin. Kondo spricht praktisch kein Englisch. Doch auch ohne Worte strahlt sie Ordnung förmlich aus. Weisses Oberteil, dazu variierende ausgewählte Röcke, die elegant und widerstandslos über ihre feine Figur fallen. Eine aufgeräumte Erscheinung. Vom Haaransatz bis zur Zehenspitze.

Fast seltsam mutet es an, dass sich diese Person im Chaos wohlfühlt, das sich bei den Akiyamas durch alle Räume zieht. Kondo schaut sich alles an, die Kamera fährt mit. Die Farben, Kameraführung und Hintergrundmusik sind jedoch so gewählt, dass man sich nie in einem voyeuristischen Unterhaltungsformat für gescheiterte Existenzen wähnt.

Die Konmari-Methode ist längst zur Bewegung geworden. Leute aus der ganzen Welt teilen ihre Erfolgserlebnisse. Quelle: Instagram

«I love the mess», sagt sie bei ihren Besuchen immer wieder, und legt los – mit einem Ritual: Sie begrüsst das Haus, still, kniend auf dem Boden, die Hausbesitzer neben ihr, dazu Musik für die Tränendrüse. Man ahnt schon, Kondos Besuch wird mehr als eine Entrümpelungsaktion.

Es beginnt spektakulär: Kondos Methode besagt, man solle nicht nach Raum, sondern nach Kategorie aufräumen: Bücher, Dokumente, Varia, Memorabilien. Schritt 1: Kleider. Alles raus und auf einen Haufen. Bei Frau Akiyama reicht der – bis zur Decke. Der Anblick schockiert. Beim Zuschauer macht sich Unbehagen breit. Man schielt angsterfüllt auf den eigenen Schrank.

Springt der Funke?

Die fundamentale Frage aller acht Episoden lautet: «Does it spark joy?» (diese Frage beherrscht Kondo ohne Übersetzerin), macht es Freude?

Eigentlich eine einfache Frage. Die Konsequenz aus der Antwort ist eindeutig. Ebenso einleuchtend sind die Tipps, wie Sachen zu falten oder zu verstauen sind. Rollen ist optimal, alles auf einen Blick zu sehen auch. Nicht die Neuerfindung des Rads. Trotzdem scheint Kondo die perfekte Botschafterin für diese Tipps und Tricks zu sein. Nie würde sie sagen: Oh Gott, wie viel ihr angehäuft habt! Sondern: Schafft einen Ort, der Freude macht!

Ruhig und zugleich entschlossen zeigt sie, wie man Socken faltet und in Schachteln einreiht, zwischendurch auch Einblendungen für den Zuschauer – Lektionen in Rollen und Falten. Man kann alles falten oder sortieren. Alles.

Und nie vergessen: Does it spark joy? Nein? Weg damit.


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Über die acht Folgen hinweg hört man diese Frage gefühlte 1000 Mal. Es dauert aber keine zwei Folgen, bis man sich selbst zu fragen beginnt: Was ist mir mein Besitz wert? Wie will ich leben? Was brauche ich zum Glück?

Bei Gegenständen, die man aussortiert, rät Kondo dazu, sich bei ihnen zu bedanken. Das mildert das Schuldgefühl, dass man beispielsweise Bücher loswird.

Minimieren statt konsumieren – ein Luxusproblem?

Nach mehreren Besuchen bei Familie Akiyama sieht das Haus wie verwandelt aus. Die Räume sind wieder bewohnbar. Das Ehepaar fühlt sich befreit. Auch die anderen sieben Besuche zeigen: Äussere Ordnung hilft der inneren Ordnung. Vielleicht scheuen sich viele auch deshalb vor grossen Umkremplungsaktionen. Weil sie genau wissen, dass sie durch ihren Besitz mit Dingen konfrontiert werden, die sie lieber nicht anrühren wollen, die unbequem und schmerzhaft sind. Der Besuch bei Margie, deren Mann verstorben ist, zeigt das. Wohin mit seinen Hemden? Wo lebt die Erinnerung? Im Herzen oder in Gegenständen?

Abgesehen von dieser legitim emotionalen Komponente, zeigt einem die Serie aber auch die Absurdität unseres Lebensstils auf. Wir konsumieren so viel, dass wir darin ertrinken. Wir brauchen Profis, die uns zeigen, wie wir das Angehäufte reduzieren und das Nötige (oder Unnötige, aber trotzdem Behaltene) ordnen.

Der Profi, hier Marie Kondo, sieht dabei auch noch perfekt gestylt und unangestrengt aus. Natürlich. Mit ihr holt man sich ein Stück Lifestyle ins Haus. Sie hat auch Zeit, sich mit nichts anderem als Falten und Sortieren zu beschäftigen. Im Gegensatz zur Durchschnittsbevölkerung. Also alles nur ein Hype? Eine unnötige Inszenierung zur Unterhaltung des Volkes, das parallel zu Netflix noch drei Fenster von Onlineshops geöffnet hat?

Vielleicht. Aber aller Kritik zum Trotz: Die acht Episoden spornen nicht nur an, selbst auszumisten – Does it spark joy? –, sondern den Vorsatz zu fassen, einfach weniger zu kaufen. Der Zeitpunkt, «Aufräumen mit Marie Kondo» am 1. Januar zu starten, ist bestimmt kein Zufall.

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