«Der mediale Overkill spielt den Terroristen in die Hände»

Das Schweizer Fernsehen brachte keine Sondersendung zum Terroranschlag in Manchester. Eine mediale Fehlleistung? Chefredaktor Tristan Brenn bezieht Stellung.

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Philippe Zweifel@delabass

Im Unterschied zu anderen TV-Sendern wie etwa der ARD schaltete das SRF keine Sondersendung zum Terroranschlag in Manchester. CVP-Präsident Gerhard Pfister nannte dies via Twitter «eine mediale Fehlleistung». Die nachträglichen Erläuterungen von Chefredaktor Tristan Brenn, die auf der SRF-Website publiziert wurden, bezeichnete er als «Schönschreiberei», worauf sich Für- und Widersprecher bemerkbar machten. Über Art und Umfang der Berichterstattung zu Terroranschlägen wird zu Recht immer wieder gestritten. Wir haben bei Chefredaktor Tristan Brenn nachgefragt, wieso sich das Schweizer Fernsehen gegen eine Sondersendung entschieden hat.

Der Manchester-Anschlag ereignete sich in der Nacht. War SRF für eine Sondersendung zu langsam? Wir hatten letztes Jahr – leider, muss man sagen – genügend Gelegenheit, das Gegenteil zu beweisen. Wir waren nach dem Lastwagenattentat in Nizza am Morgen auf Sendung oder auch nach dem nächtlichen Putschversuch in der Türkei. Als in Brüssel gegen 8 Uhr morgens die Bomben hochgingen, waren wir eine Stunde später auf Sendung.

Wer entscheidet beim SRF, ob es eine Sondersendung gibt? Wir haben einen tagesverantwortlichen Nachrichtenchef, der in der Nacht alarmiert wird. Er kontaktiert mich, und dann entscheiden wir gemeinsam.

Was waren bei Manchester die Gründe gegen eine Sondersendung?
Wir diskutieren intern schon länger über unsere Berichterstattung zu Terroranschlägen. Der mediale Overkill in den westlichen Medien, an dem auch SRF beteiligt ist, spielt den Terroristen letztlich in die Hände. Dem wollten wir etwas entgegensetzen. Einen ersten bewussten Entscheid fällten wir schon letzten Sommer, nämlich die Namen und Bilder von Attentätern nicht mehr zu publizieren. Der «Tages-Anzeiger» und zuvor die Zeitung «Le Monde» gingen uns da ja mit gutem Beispiel voran. Den «Heldenstatus» erreichen die Täter nur, wenn die Medien mitmachen und ihre Namen und ihre Gesichter in die Welt tragen.

Beim Anschlag waren Kinder und Jugendliche das Ziel. Auch in der Schweiz waren die Menschen besonders aufgewühlt. Rechtfertigt das Zuschauerinteresse keine Sondersendung?
Was in Manchester geschehen ist oder letztes Jahr in Berlin oder Nizza, ist grässlich und macht uns alle tief betroffen. Dies zum Ausdruck zu bringen, ist durchaus auch Aufgabe der Medien. Das haben wir bei SRF auch unmittelbar getan, neben den regulären Radiosendungen vor allem mit einer schnellen und umfassenden Berichterstattung online. Auch unsere regulären TV-Nachrichtenformate haben diesem Aspekt entsprechend Gewicht gegeben.

Hatten Sie, als Sie sich gegen eine Sondersendung entschieden, nicht die Befürchtung, dass die Zuschauer denken könnten, das SRF sei abgestumpft?
Nein. Die Gefahr hingegen ist, dass die Zuschauer abstumpfen, je mehr Fläche wir diesen Ereignissen geben. Gar nicht mehr berichten hiesse jedoch, vor dem Terror zu kapitulieren, auch wenn ihm damit die Aufmerksamkeit, also sein Lebenselixier, ein Stück weit entzogen würde. Das ist ein Dilemma, dessen wir uns bewusst sind. Wir haben für unsere Entscheidung übrigens viele positive Reaktionen bekommen. Insbesondere in den sozialen Medien.

Eine weitere Funktion der medialen Berichterstattung über Terroranschläge ist, dass sie Anteilnahme erlaubt. Etwa mit Berichten über die Opfer.
Niemanden lassen diese Anschläge kalt. Und doch muss es uns gelingen, unsere Berichterstattung so wenig wie möglich emotional aufzuladen und so intelligent und differenziert wie möglich Hintergründe und Erklärungen zu liefern. Fünf Stunden nach einem Attentat ist nichts davon möglich. Doch erreichen Terroristen ihr Ziel, Angst und Schrecken mithilfe der TV-Bilder unmittelbar zu verstärken.

Heisst das, dass Sie gar keine Sondersendungen mehr zu Terroranschlägen machen?
Unser Entscheid zu Manchester impliziert nicht, dass wir es in Zukunft immer so machen. Es gilt nach wie vor, jeden einzelnen Fall zu prüfen und neu zu entscheiden.

baz.ch/Newsnet

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