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Erotische Tänze mit dem Pseudo-Messias

«Die Jakobsbücher», das 1200 Seiten starke Opus magnum der Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk, führt ins 18. Jahrhundert und in eine jüdisch-polnische Gärungszeit.

In Olga Tokarczuks Roman treten zahlreiche historische Figuren auf. Foto: Keystone
In Olga Tokarczuks Roman treten zahlreiche historische Figuren auf. Foto: Keystone

Die mehrzeilige Ankündigung direkt im Titel von Olga Tokarczuks Roman «Die Jakobsbücher» verspricht «eine grosse Reise über sieben Grenzen, aus mancherlei Büchern geschöpft, und bereichert durch die Imagination, die grösste natürliche Gabe des Menschen». Die neckische Aufmachung als altes Manuskript, die Länge von fast 1200 Seiten, die auch noch rückwärtslaufen: Gehört Tokarczuks Roman etwa zum eher unangenehmen Genre des postmodernen Schelmenromans?

Sicher ist: Er führt in die mystische Tradition des Judentums, die Kabbala. Sie war den ernsten Wissenschaftlern des Judentums und den strengen Talmudisten gleichermassen ein Ärgernis: irrgläubig, zu nah christlicher Gnosis oder eben einfach Quatsch über Zahlen, Buchstaben und geheime Muster in heiligen Texten. Doch dieser Quatsch ist auch so etwas wie der geheime Fluss jüdischer Geschichte, der immer dann über die Ufer tritt, wenn die Tradition der Erneuerung bedarf.

Das heisst nicht, dass alle selbst ernannten Propheten und Messiasse der Kabbala grosse Erneuerer waren. Auch Jakob Frank, der Held der «Jakobsbücher», ist nicht «der Luther der Juden», wie der Klappentext behauptet. Das Etikett tut sowohl Frank als auch Luther Unrecht.

Denn tiefe Spuren haben Frank und seine Bewegung, der Frankismus, nicht hinterlassen, nicht im Judentum und auch nicht in Polen, wo sie die grössten ekstatischen Triumphe und bittersten Niederlagen erfuhren. Als Stoff hingegen wird der Lebensweg des Pelzhändlers aus Podolien zum Schlüssel für mehrere Kapitel mittel- und osteuropäischer Kultur- und Geistesgeschichte.

Der mystische Text entpuppt sich als Märchenbuch

Olga Tokarczuks Erzählung läuft langsam an, Jakob Frank taucht erst nach 200 Seiten auf und schaut sich erst einmal um in Polen-Litauen um 1750, nach der Blüte und vor der Teilung. Die Erde vibriert noch nach dem aufgewühlten , für Juden wie für Nichtjuden. Der beklommene, aber nicht nur unfreundliche Austausch zwischen diesen beiden Gruppen ist das Thema des Romans.

Er beginnt mit einem Akt versuchten kulturellen Austauschs: Der Pfarrer Benedykt Chmielowski besucht das Städtchen Rohatyn, um mit dem Rabbi Elischa Schor Bücher zu tauschen, sein eigenes Werk «Nowe Ateny» gegen den Zohar, den zentralen Text der Kabbala. Später wird dem des Hebräischen nicht mächtigen Pater erklärt, dass er statt des Zohar ein Buch mit Märchen bekommen hat.

Nicht nur, weil seine Reaktion – «so ein Schlawiner!» – kaum antijüdische Untertöne hat, ist Chmielowski einer der Helden des Romans. Er ist, wie auch Rabbi Schor, eine historisch belegte Person, und Olga Tokarczuk macht ihn zu einem nur leicht gebrochenen Symbol für eine universell ausgerichtete polnische Kultur, die den fremden Juden (und ungebildeten Polen) zwar mit Paternalismus begegnet, aber auch mit Interesse und Toleranz.

«Die Juden sind jetzt überall»

Sein Gegenbild ist die ebenfalls historisch verbürgte Politikerin Katarzyna Kossakowska, die schon früh beklagt, dass «die Juden jetzt überall sind, da muss man nur noch zusehen, wie sie uns auffressen mit Haut und Haar».

Diese Welt des polnischen Adels und Klerus ist hochsinnig, aber blutleer, Tokarczuk schildert sie in erzählten Passagen und Briefwechseln, in denen, einer der wenigen stilistischen Verfremdungseffekte, aus ss stets sz wird. Die Kapitel über die Schtetljuden hingegen sind vom ersten Schlag an in einem mystischen Tonfall: Die alte Jenta, die nicht sterben kann, ist die Seherin des Romans, sie erblickt die ganze Welt und die kommende Erschütterung.

Das Gespenst, das durch die Betstuben und Jeschiwot geistert, heisst Schabbatai Zwi, der Pseudo-Messias aus Smyrna, dessen Bewegung aus dem Osmanischen Reich bis nach Osteuropa und jenseits davon Juden anzog, auch nach seiner öffentlichen Konvertierung zum Islam.

Dagegen ist Jakob Frank eher eine kleine Flamme. Sein Weg wird durch die Augen des Nachman aus Busk erzählt, der sich gern an Propheten und Weise hängt. Weil es vielen Juden Osteuropas so geht, kann der charismatische Jakob Frank eine grosse Gefolgschaft um sich scharen, die er davon überzeugt, dass er die Reinkarnation von Schabbatai Zwi ist.

Immer mehr Romane und Filme wollen das Schweigen über das verdrängte jüdische Erbe brechen.

Die Frankisten stören das Gleichgewicht zwischen Juden und Christen. Sie biedern sich verschiedenen Fraktionen an, lassen sich taufen, werden trotzdem eingesperrt, müssen immer wieder fliehen und lassen sich am Ende im hessischen Offenbach nieder. Olga Tokarczuk schildert diesen Machtkampf zwischen machtlosen Juden und mächtigen Polen mit grosser Subtilität. Sie befreit ihre Geschichte von Totenschädelkitsch, und damit auch von Anschlussfähigkeit an antisemitische Mythen.

Der Roman ist auch Teil eines spezifisch polnischen Erinnerungsprojekts. Die kleine jüdische Gemeinde Polens, vor der Schoah die bedeutendste und lebendigste der Welt, besteht heute vor allem aus ausserhalb jedes Bewusstseins für jüdische Religion und Kultur aufgewachsenen, oft sogar getauften Juden. Es waren Nichtjuden, die Ende der Achtziger das Festival für jüdische Kultur in Krakau gründeten.

Immer mehr Romane und Filme wollen das Schweigen über das verdrängte jüdische Erbe brechen. Auch Olga Tokarczuk zeigt in ihrem Roman, dass polnische Juden zu Polen gehörten, auch wenn sie kein Polnisch sprachen, nicht katholisch waren, sich noch nicht einmal als Polen verstanden. Sie tut das ohne Vereinnahmung, ohne Verklärung, und nur in den allerseltensten Fällen («Nachmans Atem geht auf wie der Teig einer Challa») in der Nähe zum Kitsch.

Voller Trauer und Zärtlichkeit

Man erinnert sich beim Lesen an eine Anekdote um den berühmten jüdischen Gelehrten Gershom Scholem. Einen von Scholems Vorträgen einleitend, erklärte der Rabbiner Saul Lieberman, dass er seinen Studenten verboten habe, kabbalistische Texte zu lesen. Ein Vortrag von Scholem zu diesen Texten sei hingegen etwas ganz anderes: «Unsinn ist Unsinn. Aber die Geschichte des Unsinns, das ist Wissenschaft.» Und 1000 sensible, zärtliche, trauererfüllte Seiten zu diesem Unsinn sind grossartige Literatur.

Olga Tokarczuk: Die Jakobsbücher. Roman. Aus dem Polnischen von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein. Kampa, Zürich 2019. 1184 S., ca. 55 Fr.

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