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Verräterin in Hollywood

Güzin Kar schreibt diese Woche über Schönheits-Operationen – und hat durchaus Verständnis.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.
Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

Die Geschichte ist nicht die einer 81-jährigen Hollywood-Diva, die sich noch einmal einen Auftritt an den Oscars leistet und wegen ihrer schlecht ausgeführten Gesichtskorrekturen zur Lachnummer wird. Die Geschichte ist auch nicht die einer Frau, die sich auf groteske Weise dem Jugendwahn ergeben hat. Die Frau ist Kim Novak. Die Geschichte ist die eines Verrates. An uns, die so gern verdrängen, dass ganz Hollywood durchoperiert, geradegebogen, aufgefüllt und gestreckt ist, Männer wie Frauen, und gerade auch die, die wir als besonders naturbelassen empfinden.

Wir wollen nicht wahrhaben, dass dort alles, was über 20 ist, seinen Körper als das betrachten muss, was er ist: eine unsichere Kapitalanlage, deren Wert jährlich sinkt. Es sei denn, man kann sie als Antiquität verkaufen, was bedingt, dass die Ausbesserungen so echt wirken, als wären sie schon immer da gewesen. Nichts darf den Aufrichtigkeitsmythos stören. In Hollywood wird keine Scheinwelt verkauft, es wird mit Echtheit gehandelt. Jeder Star soll ein Unikat sein, so wandel- und doch so unverwechselbar. Wir wollen es so. Wir, das Publikum. Und jeder Verrat an unserem Glauben wird bestraft. Das haben schon Cameron Diaz, Goldie Hawn, Mickey Rourke und etliche andere zu spüren bekommen. Doch man kann Hollywood nicht dafür rügen, dass es Idealkörper preist und diese mit ungesunden Mitteln zu erreichen sucht.

Es wäre so, als würde man einem Weltklasse-Leichtathleten, der sich mit ausgeklügelten und in unseren Augen zerstörerischen Trainings- und Ernährungsplänen auf seinen Rekordversuch vorbereitet, raten, es doch einfach mit etwas Sellerie und einer grossen Portion Fröhlichkeit zu versuchen. Hollywood ist Spitzensport. Es findet in einer Dimension statt, in der sich Kategorien wie Freiwilligkeit, Lustgewinn, Freude, Erfüllung, Zwang, Sucht, Entbehrung und Opfer auflösen und zu einem einzigen grossen Dämon der Unausweichlichkeit verschmelzen, um den Wettlauf anzutreten mit allem, was Mensch ist. Die Schwerkraft besiegen, das Alter überlisten, sich früher verewigen, als man sterben kann.

Soweit das Pathos. Die Umsetzung ist nicht glamourös, nicht immer. Kim Novak hatte sich ursprünglich für die Marlene-Dietrich-Variante entschieden und sich jahrelang selbst weggesperrt, um uns nicht mit ihrem Anblick zu belästigen. Ich wusste nicht einmal, dass sie noch lebt, bin aber umso begeisterter von ihrer Wiedergeburt in der Öffentlichkeit. Doch Kim Novak verschwand danach nicht einfach wortlos wieder in der Versenkung, sondern sie meldete sich jüngst zu Wort und sagte sinngemäss: Sie lege nun mal Wert auf ein gutes Aussehen, und dieses habe sie im Vorfeld der Oscars mit einer Hungerkur und Eigenfettinjektionen zu erreichen gesucht. Sie hätte eine Standing Ovation verdient. Nicht nur für ihren wunderbaren Auftritt als Verräterin, sondern weil sie eine so grossartige Schauspielerin war und ist, wie selten welche werden.

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