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«Steuergelder leisten Bemerkenswertes»

Seit einem Jahr ist Peter Haerle Zürcher Kulturchef und verwaltet damit das grösste kommunale Kulturbudget der Schweiz. Mit Redaktion Tamedia spricht er über das Schauspielhaus, die Street Parade und seine Stelle.

Hoch- und Strassenkultur: Kostümierte im Schauspielhaus und an der Streetparade in Zürich.
Hoch- und Strassenkultur: Kostümierte im Schauspielhaus und an der Streetparade in Zürich.

Herr Haerle, am 1. August sind Sie ein Jahr Stadtzürcher Kulturchef. Wie haben Sie sich eingelebt? Sehr gut. Es ist eine äusserst spannende Stelle. Man hat in dieser Position mit vielen spannenden Menschen und vielen interessanten Fragestellungen zu tun.

Welche kulturelle Veranstaltung haben Sie zuletzt besucht? Das war am letzten Freitag die Gala zum 75. Geburtstag von David Zinman in der Tonhalle.

Also ein Anlass, der von der Stadt unterstützt wurde. Ja, die Tonhalle wird von der Kulturförderung Zürichs subventioniert.

Gehen Sie vor allem an Veranstaltungen, in denen Steuergelder stecken? Ich habe ein breites kulturelles Interesse. Aber dort, wo besonders viel städtisches Geld hinfliesst, versuche ich auch besonders genau hinzuschauen. Denn solche Institutionen stehen natürlich verstärkt im Fokus von Öffentlichkeit und Medien.

Sie sind oft im Schauspielhaus, das den Grossteil der städtischen Subventionen bekommt. Ja, dort habe ich viele Stücke gesehen. Es interessiert mich, was Barbara Frey und ihr Team machen.

Ausser im Theater wurden Sie im ersten Jahr bisher kaum wahrgenommen. Wer sagt das?

Das hört man allenthalben. Und wenn ich mich an Ihren Vorgänger Jean-Pierre Hoby erinnere, dann war der schon häufiger in der Öffentlichkeit. War Jean-Pierre Hoby, nachdem er 1984 ein Jahr im Amt war, derart in der Öffentlichkeit?

Sie erklären Ihre Unscheinbarkeit also mit der Einarbeitungsphase. Ich weiss nicht, was Sie mit Unscheinbarkeit meinen. Ich verstecke mich überhaupt nicht. Wenn jemand wie mein Vorgänger 27 Jahre lang im Amt war, ist er selbstverständlich bekannter als jemand, der beginnt. Bekanntheit ist für mich übrigens nicht per se ein Qualitätskriterium. Mich würde auch interessieren, wo man mich im letzten Jahr speziell vermisst hat.

Aktuell vermisst man zum Beispiel Ihre eigene Handschrift im neuen Kulturleitbild für die Jahre 2012-2015. Da haben Sie viel von Ihrem Vorgänger übernommen. Wollen Sie nichts ändern? Die Vorstellung, dass Handeln Ändern bedeutet, ist weit verbreitet. Aber Handeln kann auch heissen, dass man Gutes weiterführt. Wir möchten Gutes weiterführen und neue Akzente setzen. Kulturpolitik ist ein langfristiges Geschäft. Wir haben in den nächsten Jahren noch einiges vor.

Wie sehen denn Ihre neuen Akzente aus? Im Rahmen von 100 Jahre Dada bewerben wir uns für die europäische Biennale «Manifesta». Wann hat sich Zürich zuletzt für eine kulturelle Grossveranstaltung beworben? Und dann setzen wir mit dem Tanz ein neues Schwerpunktthema.

Weshalb Tanz? Tanz ist international gesehen stark im Aufwind, gerade auch in der Vernetzung von Tanz und Theater entwickelt sich sehr viel. Da haben wir noch Potenzial und sind noch nicht auf dem Niveau, auf dem wir in anderen Bereichen sind. Zudem haben wir in Zürich mit Zimmermann & de Perrot eine hervorragende Tanztruppe, die wir gerne mehr an die Stadt binden würden.

Was bringt Tanz der Bevölkerung? Tanz eignet sich sehr gut zur Vermittlung: Tanz braucht keine Sprache und spricht insbesondere Kinder und Jugendliche sehr stark an.

Ab 2013 soll ein Anlass unter dem Titel «Zürich tanzt» mit 330'000 Franken unterstützt werden. Was wird dort genau zu sehen sein? «Zürich tanzt» ist einer Veranstaltung für die breite Bevölkerung – vom Altersheim bis zum Kindergarten. Menschen aus anderen Kulturen können ihre Volkstänze zeigen. Die Idee ist, dass die ganze Stadt über ein Wochenende hinweg in Bewegung ist.

Einen Anlass, an dem die ganze Stadt in Bewegung ist, gibt es mit der Street Parade bereits – sie feiert im August ihr 20-Jahre-Jubiläum. Ist das für Sie auch ein kultureller Anlass? Spannende DJs sowie neue Entwicklungen in der elektronischen Musik sind für mich ganz bestimmt Teil der Kultur.

Aber die Stadt macht nicht viel für diese Kultur. Im Gegenteil: Wir wollen den Jazz/Rock/Pop-Kredit aufstocken, um damit Veranstaltende von Musikreihen und Live-Konzerten stärker zu unterstützen. Das soll vor allem der jüngeren Musikszene zu Gute kommen.

Generell: Muss die Kulturförderung ihren Fokus auf Vorlieben der Menschen richten oder sollte sie neue Akzente setzen und dadurch neuen Trends zum Durchbruch verhelfen? Beides: Kulturförderung soll primär der Qualität verpflichtet sein. Qualitativ Hochstehendes kann populär sein oder auch ein Nischenprogramm. Grundsätzlich soll die Kulturförderung das unterstützen, was nicht selbstragend ist.

Und das ist einiges. Fördert die Stadt nicht zu viel und profiliert sich dadurch zu wenig? Wenn man das Kulturangebot der Stadt Zürich anschaut, dann profiliert sich die Stadt sehr wohl. Man sieht kaum eine Stadt von der Grösse Zürichs, die ein so grosses und qualitativ hochstehendes kulturelles Angebot hat.

Das mag stimmen, aber man erkennt zu wenig, welche Anlässe von der Kulturförderung unterstützt werden. Man könnte das schon noch stärker rausstreichen, damit die Bevölkerung spürt, dass mit den Steuergeldern bemerkenswerte Leistungen vollbracht werden. Aber es geht primär auch nicht darum, dass sich die Kulturförderung profiliert. Vielmehr sollen sich die unterstützten Institutionen profilieren und die Stadt insgesamt als Kulturstadt wahrgenommen werden.

Das neue Kulturleitbild fordert bis 2015 Mehrausgaben von rund drei Millionen Franken. Glauben Sie, dass Sie das durchs Parlament bringen? Bei verschiedenen Kulturinstitutionen sind die Löhne an die Teuerung gekoppelt. Dadurch steigen die Kulturausgaben so oder so. Und die restlichen Mehrausgaben sind im Vergleich zu früher sehr moderat. Wir beantragen drei Mal weniger Erhöhungen als in der letzten Leitbildperiode. Ich bin überzeugt, die Parlamentarierinnen und Parlamentarier sind sich bewusst, dass die Kultur ein wichtiger Standortfaktor der Stadt Zürich ist.

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