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Massenglotzen, nicht Public Viewing!

Die «Aktion Lebendiges Deutsch», der auch Sprachpapst Wolf Schneider angehört, will mit Anglizismen kurzen Prozess machen. Ihre Waffe: Das Buch «Deutsch lebt!».

Vier Jahre lang, von 2006 bis 2010, hat die «Aktion Lebendiges Deutsch» die Freunde unserer Muttersprache allmonatlich gefragt: Welches korrekte und handliche deutsche Wort könnten wir für diesen oder jenen unnötigen, albernen oder unverständlichen Anglizismus benutzen? Die Reaktion, zigtausend Vorschläge, war überwältigend. Die vier Initiatoren der Aktion, unter ihnen der bekannte Sprachexperte Wolf Schneider, haben nun Bilanz gezogen.

«Deutsch lebt!» ist der Titel ihres Buchs, in dem sie die besten Vorschläge präsentieren. Etwa «Fussballkino» für «Public Viewing». Vorgeschlagen waren auch «Massenglotzen», «Kuck-Treff», «Rudelgucken». Oder der allgegenwärtige «Coffee to go»: «Gehkaffee», sagt die Jury. Vorgeschlagen waren ferner: «Marsch-Kaffee», «Kaffee komm mit,» und «Kaffee mobil».

Müll in frische Wörter verwandeln

Und wie würden Sie «All you can eat» übersetzen? Vorgeschlagen: «Friss bis du platzt!», «Fresspauschale», «Kampfmampf». Die Jury entschied sich für «Essen nach Ermessen». Aus «Brainstorming» wurde «Denkrunde», für «Happy Hour» wurden vorgeschlagen «Breitzeit», «Tankzeit» und «Geizerstunde». Der weit verbreitete Anglizismus «chillen» wiederum übersetzt das Buch ganz einfach mit «abschalten».

«Wir sollten aufhören, uns für die deutsche Sprache zu genieren. Sie ist eine der grossen Kultursprachen des Abendlands, die meistgesprochene Sprache in der Europäischen Union und nach Englisch und Spanisch die meistgelernte Fremdsprache der Welt»: So begründet die«Aktion Lebendiges Deutsch» ihre Aktion. Und weiter:«Versuchen wir, den Müll in frische, bunte Wörter zu verwandeln!»

Nicht alle Angliszismen sind schlecht

Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch ist gegenteiliger Meinung. Er sagt über das Buch, er habe nichts gegen Sprachpflege – nur solle man sie einfach betreiben, «ohne sich als Kämpfer gegen den Untergang des Abendlandes aufzuspielen».

Auch der Sprachkolumnist des «Tagesspiegel», Bernd Matthies, verwahrt sich gegen übereifrige Sprachpflege. Für ihn ist wichtig, die verschiedenen Anglizismen zu unterscheiden. So gebe es schlicht keinen Grund – es sei denn Imponiergehabe -, aus dem «Anreiz» ein «Incentive» zu drechseln, aus dem «Berater» einen «Consultant» oder aus dem «Handzettel» einen «Flyer». Noch blödsinniger wäre es aber, ein eindeutiges, gut in die deutsche Grammatik passendes Wort wie «Cursor» durch den vieldeutigen und damit unpräziseren «Blinker» zu ersetzen, der ja auch beim Angeln und Autofahren Dienst tun müsse.

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