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«Man wird um sich selbst betrogen»

Der Familienverein VEV würde einen obligatorischen Vaterschaftstest begrüssen. Autorin Simone Schmollack («Kuckuckskinder») hält das für eine schlechte Idee – obwohl sie den Zorn der Väter gut verstehen kann.

Kuckuckskinder sind alles andere als selten: Taiwanisches Kinderspital. (20. Januar 2009)
Kuckuckskinder sind alles andere als selten: Taiwanisches Kinderspital. (20. Januar 2009)
Keystone

Ist die Forderung nach einem Vaterschaftstest unmittelbar nach der Geburt sinnvoll? Diese Forderung geht zu weit, weil sie alle Frauen unter Generalverdacht stellt. Es ist sinnvoller, von Fall zu Fall zu entscheiden und erst dann einzugreifen, wenn ein begründetes Misstrauen besteht. Überdies geht mir ein solcher Test auch als staatlicher Eingriff in die Privatsphäre des Bürgers zu weit.

Die Angst vor dem untergeschobenen Kind scheint eine Urangst zu sein. Im Mittelalter gabs den Begriff des Wechselbalgs – Kinder, die von Dämonen oder vom Teufel in die Betten der Wöchnerinnen gelegt wurden. Ohne Zweifel sitzt diese Angst sehr tief. Denn wenn man um ein Kind betrogen wird, wird man um die eigene Verewigung und letztlich um sich selbst betrogen.

Statistisch gesehen sitzt in jeder Schulklasse ein Kuckuckskind. Dennoch wird kaum darüber gesprochen, jeder Identifikation haftet noch immer etwas Skandalöses an. Warum die Diskrepanz? Das ist rational kaum zu erklären, beweist aber, dass das Tabu Kuckuckskind noch immer Bestand hat. Die Angst, dass nach einer Identifikation eines solchen Kinds das Privatleben in die Brüche geht, ist immer noch riesig.

Wann sollte ein Kind darüber informiert werden, dass sein biologischer Vater ein anderer ist? So früh wie möglich? Oder zuwarten, bis es erwachsen und charakterlich gefestigt ist? Man kann einem kleinen Kind sehr gut erklären, dass der Vater, den es von zu Hause kennt, nicht sein biologischer Vater ist. Es versteht das. Zuwarten ist nicht angeraten, wie ich bei den Recherchen zu meinem Buch festgestellt habe: Irgendwann fliegt es immer auf. Wenn die Identifikation erst passiert, wenn sich das Kind in den Turbulenzen der Pubertät befindet oder wenn es sogar selber eine Familie gründet, dann hat das immer sehr schwere psychische Konsequenzen. Man ist mit einer Lebenslüge aufgewachsen.

Gibt es Verhaltensmuster, die den meisten als Kuckuckskinder identifizierten Menschen eigen sind? Die meisten gehen aktiv auf die Suche nach ihrem Vater. Man fantasiert, stellt sich den Vater besonders positiv oder besonders negativ vor. In der Realität ist er dann meistens ziemlich anders als gedacht, worauf viele nach einer ersten Kontaktaufnahme sich wieder distanzieren. Es reicht ihnen zu wissen, wie er aussieht, wie er spricht, was er tut.

Ist eine Frau in der moralischen Pflicht, ihren Mann zu informieren, wenn das Kind nicht von ihm ist? Schwierig zu sagen. Manche Frauen wissen ja selber nicht, dass sie ein Kuckuckskind geboren haben. Auch gibt es ganz unterschiedliche Gründe, warum eine Frau mit einem Kuckuckskind schwanger wird. Manchmal ist der Gatte impotent, und die Frau möchte dennoch unbedingt ein Kind – vielleicht möchte ja auch der zeugungsunfähige Mann selber ein Kind. Oder eine Frau will nach einer Affäre aus nachvollziehbaren, ethischen Gründen nicht abtreiben. Die meisten Frauen jedoch schweigen, weil sie die Beziehung und die Familie nicht gefährden und ihrem Kind eine heile Welt bieten wollen.

Sollte eine Frau das Geld, das der vermeintliche Vater für das Kuckuckskind ausgegeben hat, zurückzahlen müssen? Davon halte ich nichts. Diese Forderung wird ja immer aus einem Impuls tiefer narzisstischer Kränkung heraus gestellt. Da geht es häufig um einen Rachefeldzug gegen die Partnerin, bei dem das Kindeswohl auf krasse Weise ignoriert wird.

Tragischerweise brechen offenbar die meisten Familien nach der Identifikation eines Kuckuckskindes auseinander. Warum halten die Banden, die sich zwischen Kind und sozialem Vater über die Jahre gebildet haben, diesem Schock so selten stand? Viele Männer ahnen schon früh, dass das Kind nicht von ihnen ist. Sie gehen dem Verdacht aber erst nach, wenn die Beziehung bereits schwer beschädigt ist. Mit der Identifikation des Kindes ist das Ende der Partnerschaft dann meist definitiv gekommen.

Kennen Sie auch andere Beispiele? Die Partnerschaft ist kaum zu retten. Aber wenn Männer ihren anfänglichen Zorn überwinden und ihn nicht gegen das unschuldige Kind richten, kann zumindest die Vater-Kind-Beziehung gerettet werden. Imponiert hat mir ein Mann, der von seiner Frau mehrmals betrogen wurde. Als das Kind eineinhalb war, merkte er, dass es nicht von ihm war. Es gelang ihm, auch weil er einer Selbsthilfegruppe beitrat, das Kind und dessen Bedürfnisse dennoch zu akzeptieren.

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