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Leichen sind langweilig

So sieht moderner Boulevard-Journalismus aus: Am Computer werden Seitensprünge und Morde rekonstruiert und als animierte Clips publiziert. Nun wissen wir, was Elin Nordegren wirklich mit Tiger Woods trieb.

Als auskam, dass Tiger Woods seine Frau mit verschiedenen Gespielinnen betrogen hatte, schaltete sich die ganze Welt zu. Am Fernsehen, im Internet und in den Zeitungen wurden täglich neue Details aus dem Privatleben des Ehepaars ausgebreitet. Gerüchte rankten sich vor allem um jenen Tag, als Woods mit seinem Wagen in einen Baum raste. Stammten seine Verletzungen tatsächlich vom Unfall? Oder hatte seine Frau ihn zuvor drangsaliert?

Selbst Paparazzi waren nicht in der Lage zu dokumentieren, was genau im Hause Woods passiert war. Die Affäre bebilderte man also mit Archivmaterial des Paares – in Ermangelung an saftigeren Aufnahmen. Die Newssite Next Media jedoch glaubte genau zu wissen, wie sich Frau Woods an ihrem Mann für die zahlreichen Affären rächte: Sie zog ihm eins mit dem Golfschläger über. Gezeigt wird das nicht nur mit Bildern, sondern einem Videoclip – einer 90 Sekunden langen animierten Sequenz, vergleichbar mit einem Ausschnitt aus einem 3-D-Spiel.

Junges Publikum im Visier

Produziert hat den Clip Next Media Animation. Die taiwanesische Firma gehört dem Medien-Tycoon Jimmy Lai. Sein Vermögen hat der 62-Jährige, dem verschiedene Zeitungen gehören, mit den klassischen Boulevard-Themen Sex und Verbrechen gemacht. Wie er gegenüber dem US-Magazin «Wired» sagte, habe er sich in den letzten Jahren zunehmend Sorgen gemacht, damit ein junges Publikum zu erreichen. Auch dass bei Mordfällen bloss die Leiche – und nicht die Tat – in der Zeitung zu sehen ist, langweilte ihn. Lai zählte eins und eins zusammen und kam so auf die Idee der animierten News-Berichte. Zwar hatte er den Geistesblitz bereits im Jahr 2007, doch damals war die Produktion solcher Clips noch zu teuer – zumal sie innert Stunden nach dem Geschehnis produziert werden müssen.

Seit einem knappen Jahr ist Lais neuste Firma inzwischen aktiv. Gut 4000 News-Clips hat man in dieser Zeit produziert, wovon die meisten taiwanesische Ereignisse rekonstruieren. Die grossen internationalen Boulevard-Themen lässt sich Lai jedoch nicht entgehen. Neben Woods kamen etwa Al Gore (Seitensprung) oder Sarah Palin (martialischer Jagd-Ausflug) zu Animations-Ehren. Zwar wurde Lai von der nationalen Aufsichtsbehörde schon gerügt (für die Rekonstruktion einer Vergewaltigung). Doch er zeigte sich davon unbeeindruckt. Ob sich die Handlung tatsächlich so zugetragen hat, ist für ihn Nebensache: «Die Leser wollen Klarheit, wir liefern sie.»

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