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«Kulturbruch» oder «investigative Leistung»?

Der Henri Nannen Preis gilt unter deutschen Medienschaffenden als hohe Auszeichnung. Doch bei der gestrigen Veranstaltung in Hamburg wollten drei Journalisten ihre Trophäe nicht abholen.

Preis für «Der letzte Saurier»: Stefan Willeke erhält seine Auszeichnung in der Kategorie Reportage von Richard David Precht Judith Rakers. (11. Mai 2012)
Preis für «Der letzte Saurier»: Stefan Willeke erhält seine Auszeichnung in der Kategorie Reportage von Richard David Precht Judith Rakers. (11. Mai 2012)
Reuters

Eklat bei der Verleihung des Henri Nannen Preises 2012 in Hamburg: Weil die Jury die Auszeichnung in der Kategorie Investigation an die «Süddeutsche Zeitung» («SZ») und die «Bild» doppelt vergeben wollte, lehnte das dreiköpfige «SZ»-Journalistenteam den Preis am Freitagabend ab.

Geehrt werden sollten Hans Leyendecker, Klaus Ott und Nicolas Richter von der «SZ» für ihre Berichte über die Verstrickungen der BayernLB in die Formel 1, und zum anderen die beiden «Bild»-Journalisten Martin Heidemanns und Nikolaus Harbusch. Sie wurden für ihre Publikationen über einen Privatkredit von Christian Wulffausgezeichnet. Der am 13. Dezember 2011 erschienene Aufmacher hatte den damaligen Bundespräsidenten nach langer öffentlicher Debatte zu Fall gebracht.

«SZ»-Redakteur Leyendecker spricht von «Kulturbruch»

Leyendecker bezeichnete die Jury-Entscheidung als ein «Stückchen Kulturbruch». «Es ist der wichtigste Preis», sagte er. Wenn die Jury meine, die «Bild» habe ihn verdient, respektiere er das. Er und seine Kollegen wollten sich jedoch nicht mit dem Boulevardblatt den Preis teilen. Leyendecker stellte allerdings klar, dass sich die Ablehnung nicht gegen die «Bild»-Kollegen richte.

Auch der Verein Netzwerk Recherche hat die Vergabe des Henri Nannen Preises an die «Bild»-Zeitung kritisiert. Der Jury fehle ein klares Verständnis für journalistische Kriterien. Sie verwechsle einen erfolgreichen «Scoop» mit der besten investigativen Leistung, schreibt die Journalisten-Vereinigung in einer Pressemitteilung. «Investigativ arbeiten» bedeute, «ein gesellschaftlich relevantes Thema hartnäckig zu verfolgen, gegen Widerstände zu recherchieren, dabei neue Erkenntnisse zu gewinnen und sie verständlich zu präsentieren». Nach diesen Kriterien sei die Aufdeckung der Hintergründe um den Privatkredit des Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff (CDU) nicht die beste investigative Leistung des Jahres 2011.

Nach Angaben der Jurymitglieder, Ex-«Focus»-Chefredakteur Helmut Markwort und «Panorama»-Moderatorin Anja Reschke, seien für die Entscheidung die Kriterien Recherche und die gesellschaftliche Bedeutung der aufklärenden Enthüllung wichtig gewesen. Markwort sagte, nach langer Beratung und dreimaliger Patt-Entscheidung haben man sich zu der Teilung des wichtigsten Preises für Qualitätsjournalismus entschieden. Das Medium könne kein Ausschlusskriterium für die Bewertung einer investigativen Leistung sein.

Der Verlag Gruner Jahr und das Magazin «Stern» hatten den Henri Nannen Preis für herausragende journalistische Leistungen zum achten Mal verliehen. Auf einer Gala im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg wurden Journalisten geehrt, deren Beiträge sich durch besondere Unabhängigkeit, Kompetenz, Glaubwürdigkeit und Kreativität auszeichnen. Vergeben wurden Auszeichnungen in den Kategorien Investigation, Reportage (Egon Erwin Kisch-Preis), Dokumentation, Foto-Reportage und Essay.

Weitere Preise an «Zeit», «Der Spiegel», «stern.de» und «FAS»

Den «Henri» in der Kategorie Reportage erhielt der «Zeit»-Redakteur Stefan Willeke für seinen Artikel «Der letzte Saurier» über den Chef des Energiekonzerns RWE, Jürgen Grossmann. Willeke erhielt den Egon Erwin Kisch-Preis bereits zum dritten Mal. Der Preis für die beste Dokumentation ging an ein zwölfköpfiges Team des Magazins «Der Spiegel»: Cordt Schnibben, Ferry Batzoglou, Manfred Ertel, Ullrich Fichtner, Hauke Goos, Ralf Hoppe, Thomas Hüetlin, Guido Mingels, Christian Reiermann, Christoph Schult, Thomas Schulz, Alexander Smoltczyk wurden für ihre Aufarbeitung der Euro-Krise geehrt, die unter dem Titel «Eine Bombenidee» erschien.

Als beste Foto-Reportage wählte die Jury die Arbeit «Unser Müll in Afrika» von Kai Löffelmann, die im Internet auf stern.de publiziert wurde. Den Preis in der Kategorie Essay erhielt Niklas Maak von der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» für sein Werk «Architekten, auf die Barrikaden!». Bereits vor der Gala stand fest, dass der britische Journalist Nick Davies für seine Verdienste um die Pressefreiheit und der Fotograf Franz Christian Gundlach für sein publizistisches Lebenswerk ausgezeichnet werden sollten.

Der Henri Nannen Preis ist nach dem Gründer des «Stern» benannt und mit 35.000 Euro dotiert. 2012 wurden 872 Arbeiten eingereicht.

dapd/kle

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