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Interview-Debakel um Steve Bannon

«New Yorker»-Chefredaktor David Remnick wollte Steve Bannon interviewen. Doch darob brach ein derart grosser Sturm der Entrüstung los, dass Remnick Bannon wieder auslud. Bannons Replik liess nicht auf sich warten.

Stephen Bannon wurde beim alljährlichen Festival des «New Yorker» ausgeladen.
Stephen Bannon wurde beim alljährlichen Festival des «New Yorker» ausgeladen.
Reuters

David Remnick, der Chefredakteur des Magazins «The New Yorker», zählt zu den bekanntesten Journalisten der USA. Er gilt als kritisch und unbestechlich. Für die «New Yorker Radio Hour» führt er exzellente, oft kontroverse Interviews. Eines dieser Gespräche wollte er mit Steve Bannon führen, dem umstrittenen früheren Berater von Präsident Donald Trump. Bannon zeigte Interesse, und man einigte sich darauf, dass das Interview vor Publikum beim alljährlichen Festival des «New Yorker» im Oktober stattfinden sollte.

Nachdem das Magazin diesen Plan am Montag bekannt gegeben hatte, brach in den sozialen Medien ein derart grosser Sturm der Entrüstung los, dass Remnick sich gezwungen sah, Bannon wieder auszuladen. Für Remnick und den New Yorker ist das eine peinliche Episode, über der die Frage schwebt: Bedeutet, mit einem Mann wie Bannon zu sprechen, ihm eine Bühne für seine radikalen Ideen zu geben, oder bedeutet es, ihn zur Rede zu stellen?

Remnick war zunächst der Ansicht, dass Letzteres der Fall ist. «Ich habe die Absicht, ihm schwierige Fragen zu stellen und eine ernsthafte Auseinandersetzung zu führen», hatte der Chefredakteur erklärt. Diese Erklärung überzeugte viele Leser nicht, sie stiess bei vielen von Remnicks Kollegen auf taube Ohren, und sie führte dazu, dass reihenweise prominente Gäste des Festivals mit Absagen drohten, falls Bannon tatsächlich auftrete.

Wenn man es einem Interviewer zutrauen kann, dieses Gespräch kritisch zu führen, dann dem Chef des «New Yorker»

Der 64 Jahre alte Bannon hat unter anderem an der Wall Street und in Hollywood gearbeitet, bevor er die politisch am ganz rechten Rand stehende Internetseite Breitbart zu einer Wahlkampfmaschine für Donald Trump machte. Die Seite zündelt mit nationalistischen und rassistischen Artikeln. Im August 2016 verliess er Breitbart und schloss sich dem Team von Trump an, dessen wichtigster Berater er wurde. Bannon galt als eine Art böses Genie hinter dem polternden Kandidaten. Nach der Wahl erklärte er, man habe diese gewonnen, weil man Ärger und Wut in den Leuten entfacht habe, indem man forderte, Hillary Clinton einzusperren, eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu bauen und «den Sumpf trockenzulegen». Diese drei Themen hätten vollkommen gereicht. Bannon war immer sehr zufrieden, wenn auf Trumps Wahlkampfveranstaltungen bei der Erwähnung von Hillary Clinton Tausende Menschen skandierten: «Sperrt sie ein!» Er befand seinerzeit: «Wut und Angst bringen die Leute an die Wahlurnen.»

Seine Gegner werfen ihm vor, ein Rassist zu sein, ein Antisemit, ein Frauenfeind und ein Aufstachler. Bannon hingegen sah sich als Prophet eines grossen gesellschaftlichen Umbruchs, und in Trump glaubte er das ideale Vehikel gefunden zu haben, um diesen Umbruch zu bewerkstelligen. Nach der Wahl zog Bannon zunächst mit ins Weisse Haus, wo er versuchte, Trumps populistische Versprechen in konkrete Politik umzusetzen. Unter anderem ist er der Kopf hinter dem von Trump verhängten Einreiseverbot für Menschen aus ausgewählten, überwiegend muslimischen Staaten. Zu diesen Themen wollte Remnick ihn bei dem Festival befragen, und wenn man es einem Interviewer zutrauen kann, dieses Gespräch kritisch zu führen, dann dem Chef des «New Yorker».

Nach einem halben Jahr im Weissen Haus musste Bannon gehen. Das lag vor allem daran, dass sein narzisstischer Chef es nicht ertrug, dass Bannon allenthalben als der wahre Präsident angesehen wurde, der Trump lediglich als Marionette benutzt. Bannon kehrte zurück zu Breitbart, um, wie er sagte, Trump von aussen zu helfen. Unter anderem unterstützte er den Richter Roy Moore, der sich zum Senator in Alabama wählen lassen wollte, obwohl er von mehreren Frauen beschuldigt wurde, sie sexuell belästigt zu haben, zum Teil als Minderjährige. Moore scheiterte, was auch als Niederlage von Bannon gewertet wurde. Nachdem der Journalist Michael Wolff ein Enthüllungsbuch über das Weisse Haus unter Trump veröffentlicht hatte, in dem sich Bannon ausführlich über den Präsidenten und dessen Familie äussert, musste er seinen Posten bei Breitbart aufgeben. Medienberichten zufolge will er nun mit einer Stiftung in Brüssel aktiv werden.

Bannons Replik

Von der Empörung über das geplante Gespräch mit Bannon war Remnick offenkundig überrascht. Der Schauspieler Jim Carrey teilte mit, dass es sicherlich kein Festival geben werde, auf dem er und Steve Bannon aufträten. Der Regisseur Judd Apatow schrieb, falls Bannon auftrete, werde er absagen: «Ich werde nicht daran teilhaben, Hass zu normalisieren». Der Komiker Patton Oswalt sagte gleich ab und schlug vor, stattdessen den Rechtspopulisten und Hetzer Milo Yiannopoulos einzuladen.

Remnick veröffentlichte ein Statement, in dem er erklärte, er habe die Kritik vernommen und wolle diese nicht ignorieren. Steve Bannon teilte daraufhin mit, er habe dem Gespräch zugestimmt, weil er einem der furchtlosesten Journalisten seiner Generation gegenübergesessen hätte. «Aber in einem wegweisenden Moment hat David Remnick Feigheit gezeigt, als er sich mit dem heulenden Online-Mob konfrontiert sah.» Remnick versuchte, sein Gesicht zu wahren, indem er sagte, er hoffe, Bannon trotzdem in absehbarer Zukunft sprechen zu können - dann allerdings nicht auf der Bühne eines Kulturfestivals, sondern in einem, wie er es nannte, journalistischeren Rahmen.

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