In der falschen Gruft

SRF sucht wegen des Marignano-Jubiläums in Rom nach Knochen. Schade: Die wirklich interessanten Gebeine liegen anderswo.
Wurde renoviert: Das Ossario Santa Maria della Neve zu Marignano. (Bild vom September 2014)

Wurde renoviert: Das Ossario Santa Maria della Neve zu Marignano. (Bild vom September 2014)

(Bild: Reto Albertalli/phovea)

Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Welche Gebeine gehörten Matthäus Schiner? Ein Dok-Team von SRF begleitet den CVP-Politiker Herbert Volken auf seiner kuriosen Suche nach den Knochen des Walliser Kardinals; ausgestrahlt wird die Sendung am 10. September. Schiner war ein Anführer der Schweizer Truppen, die 1515 in der Schlacht von Marignano untergingen; 1522 starb der Beinahe-Papst in Rom an der Pest. Schiner ist eine faszinierende Persönlichkeit und seine Geschichte zweifelsohne erzählenswert. Doch selbst wenn Volken die Identifikation tatsächlich gelingen sollte, wären historischer Erkenntnisgewinn und politische Sprengkraft des Doks minim. Die wirklich interessanten Gebeine liegen anderswo, nämlich mitten auf dem damaligen Schlachtfeld. Im Zentrum der Jubiläumsfeierlichkeiten steht das Ossario Santa Maria della Neve, das Gebeinshaus bei Melegnano. Es wurde von der konservativen Stiftung Fondazione Pro Marignano für die Feier renoviert. Hier sollen die Gebeine gefallener Schweizer Kämpfer der Schlacht vom 13. und 14. September 1515 aufbewahrt worden sein. Waren es italienische Seuchenopfer? Ob das Ossario tatsächlich Knochen von Schweizern enthält, ist jedoch alles andere als klar. So vertrat der Genfer Geschichtsprofessor François Walter in seinem Aufsatz «Marignan 1515» die Ansicht, dass im Ossario keine eidgenössischen Krieger aus dem 16. Jahrhundert, sondern Epidemietote aus späterer Zeit lagerten. Auch Emil Usteri, der anlässlich der Jubiläumsfeier 1965 das Standardwerk zur Schlacht veröffentlichte und als konservativer Gewährsmann gilt, gibt sich in seinem Marignano-Buch bemerkenswert vorsichtig: «Es ist schwer, hierüber ein endgültiges Urteil zu fällen.» Usteri ist auch deshalb skeptisch, weil das Ossario erst Mitte des 18. Jahrhunderts erstmals bezeugt worden sei, ziemlich spät also. DNA-Tests der Knochen, wie sie Volken anstellen will, könnten Klarheit schaffen. Doch davon will die Fondazione nichts wissen. Fulcieri Kistler, Vizepräsident des Stiftungsrates, sagte jüngst gegenüber der «Schweizer Illustrierten», er lehne einen DNA-Test ab. Es gehe um den symbolischen Wert. Und so wird wohl bis zur grossen Feier am 13. September nicht klar werden, wessen Überreste da genau aufbewahrt werden. Es ist eine kuriose Szenerie, seltsamer noch als Volkens Suche nach den Schiner-Knochen: all die patriotischen Schweizer Honorationen, die in tiefer Andacht ihr Haupt beugen – womöglich vor den Gebeinen unbekannter italienischer Seuchenopfer.

baz.ch/Newsnet

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