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«Hübsch und geil? Die wähl ich!»

Auch Politiker brüsten sich heute gern damit, jung und sexy zu sein – und im Internet werden die sexuell attraktivsten Bundestagsabgeordneten gewählt. Doch erotisches Kapital allein kann kontraproduktiv sein.

Der Präsident der Jungen SVP Genf wirbt mit der Waffe vor dem Gemächt gegen die Waffeninitiative.
Der Präsident der Jungen SVP Genf wirbt mit der Waffe vor dem Gemächt gegen die Waffeninitiative.

Vorbei sind die Zeiten, da der Werbeslogan «jung & sexy» den Damen des horizontalen Gewerbes vorbehalten war. Sexueller Revolution und globalem Kapitalismus sei Dank, dass «jung & sexy» heute weitgehend demokratisiert ist. Will heissen, heute greift jeder darauf zurück, der etwas verkaufen will, denn «jung & sexy» sorgt für Aufmerksamkeit, ein Gut, ohne welches in der Informationsgesellschaft nichts geht.

Politik als Party

Das hat inzwischen sogar die Politik gemerkt, die bis vor wenigen Jahren die eigentliche Antithese zu «jung & sexy» war. Doch der Wandel ist unübersehbar. Die Jungfreisinnigen Thurgau werben für sich mit dem Slogan «Jung, liberal und sexy». Auf der zugehörigen Website wird das wie folgt erläutert: «Die Politik besteht nicht nur aus abgehobenen Ü-50-Interessenvertretern. Zudem soll Politik Spass machen. Anstelle eines starren Wahlkampfauftaktes mit langen Referaten veranstalten die JFTG eine Party! Frei-Bowle inklusive!» Doch nicht nur die Jungfreisinnigen versuchen, mit Sexappeal zu punkten. Im Januar zog sich Jung-SVPler Xavier Schwitzguébel nackig aus, um gegen die Waffeninitiative ins Feld zu ziehen. Im September 2007 warben die Grünen Lilith Hübscher und Martin Geilinger in Winterthur mit dem Slogan: «Hübsch und geil? Die wähl ich, denn politisieren muss nicht hässlich oder lustlos sein».

Dass Politik nicht lustlos sein muss, hat auch der britische Jungunternehmer Francis Boulle gemerkt. Er hat die Website Sexybundestag.de ins Netz gestellt, auf der man den Abgeordneten mit dem grössten Sexappeal wählen kann. Wie weiland bei «Hot or Not» stellt Boulle jeweils die Porträtfotos zweier Politiker nebeneinander und fragt: «Mit welchem Politiker oder welcher Politikerin würden Sie lieber...? Wählen Sie». Per K.-o.-Verfahren werden so die attraktivsten Politiker und Politikerinnen ausgewählt. Boulle, der dasselbe Verfahren auch schon für englische Politiker entworfen hat, sieht seine Site vor allem als Spiel, zudem aber auch als Möglichkeit, die Politiker besser kennenzulernen. Was vielleicht funktioniert – es gibt sicherlich einige Politik-Abstinente, die durch solchen Zeitvertreib das erste Mal überhaupt feststellen, wer alles im Bundestag sitzt.

Erotisches Kapital

Die Frage ist nur, was die Strategie, sich als sexy zu verkaufen, den Politikern bringt. Der Beruf eines Politikers beinhaltet im Wesentlichen, andere zu repräsentieren. Dazu muss man sie für sich einzunehmen wissen, ihnen vermitteln, dass man ihre Interessen am besten vertreten kann. Die wichtigste Währung eines Politikers ist deshalb das Vertrauen. Insofern kann die Rede vom «erotischen Kapital» in der Politik leicht missverstanden werden. Der Begriff, den die Wirtschaftswissenschaftlerin Catherine Hakim für die politische Rhetorik prägte, bezeichnet denn auch nicht einfach körperliche Schönheit, sondern eine Art «Ausstrahlung», die sich nicht über Geschlecht, Alter oder konventionelle Schönheit definiert. Dass gut aussehende Menschen eher gewählt werden, ist naheliegend, und dazu gibt es auch wissenschaftliche Studien – so gilt etwa Natalie Rickli offiziell als schönste Nationalrätin. In der medialen Informationsgesellschaft, die den Rednern immer weniger Zeit und Raum für Argumente zur Verfügung stellt, wird der visuelle Eindruck zunehmend wichtiger. Erotisches Kapital kann dazu dienen, politisches Talent besser zu verkaufen. Ohne politisches Talent aber läuft gar nichts. (Ausser vielleicht in Italien.)

So aufmerksamkeitsintensiv die Attribute «jung und sexy» wirken, um Vertrauen zu generieren, eignen sie sich denkbar schlecht. Ja, zu viel Sexappeal ist sogar kontraproduktiv, unterminiert das Vertrauen und kann dem Ruf eines Politikers oder noch mehr einer Politikerin ernsthaft schaden. Und so mussten sich denn auch die sexy Thurgauer Jungfreisinnigen für ihren Slogan einigen Spott gefallen lassen: «Brenda Mäder, die Präsidentin der Jungfreisinnigen Schweiz aus dem Thurgau, kriegte von der Erotikfindungskommission der FDP, unter der Leitung des äusserst spritzigen und aktiven Fulvio Pelli das Gütesiegel «jung, liberal und sexy (…) Brenda Mäder schaffte es dank der sexy Ausstrahlung gar in die Zeitung des Grossverteilers Coop», spöttelte etwa der Satire-Blog Lupe. Auch Schriftsteller Peter Bichsel klagte jüngst im Interview mit dem «Sonntag»: «Ich habe den Eindruck, die Privatisierung der Gesellschaft schreitet auch bei uns voran. Wir werden zu einer Grill- und Partygesellschaft. Die aber ist nicht sehr demokratietauglich.» Er kann sich damit trösten, dass man zumindest in der Politik bis auf weiteres mehr mitbringen muss als erotisches Kapital, wenn man im Bundeshaus eine Grillparty schmeissen will.

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