«Klima und Frauen, darum gehts jetzt»

Die Grünen surfen auf der Klimawelle. Jetzt müsse die Partei alte Fehler vermeiden, sagt Jo Lang, einer der bekanntesten Grünen im Land.

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Linus Schöpfer@L_Schoepfer

«Systemwandel statt Klimawandel», heissts an den Klimademos. Seite an Seite laufen Pragmatiker, die mehr Solarzellen bauen wollen, und Revolutionäre, die eine radikal neue Gesellschaft fordern. Ist das die Sollbruchstelle der Grünen?
Nein. Diese Frage wird unsere Partei nicht zerreissen. Wir Grünen wollen kein Winterpalais stürmen, bekennen uns wie die Klimabewegung zur Gewaltlosigkeit. Zusätzlich zu Demonstrationen und Streiks bietet uns die direkte Demokratie viele Möglichkeiten für pragmatische wie für fundamentale Korrekturen.

Die Grüne Partei ist der natürliche Partner der Klimabewegung. Sollte sie sich nicht direkter engagieren?
Selbstverständlich kommen wir an den Demos miteinander in Kontakt. Aber ich finde es richtig, dass meine Partei nun nicht versucht, die Bewegung zu vereinnahmen. Etwa, indem sie an den Demos für sich wirbt. Oder indem sie prominente Köpfe der Bewegung auf ihre Listen nimmt. Wir dürfen auch nicht davon ausgehen, dass die engagierten Jugendlichen nun ausnahmslos Grüne wählen.

Sind die Grünen im Kern eine Partei der Asketen, welche die Schweiz zu Verzicht, Busse und schlechtem Gewissen missionieren will?
Die Jungen der Klimabewegung erscheinen mir viel asketischer, als es die meisten Grünen je waren. Ihre Forderungen sind auch für mich eine Herausforderung. Ich bin ein Bauernkind, und das Fleischessen gehörte für mich immer dazu. Es geht nun darum, Genuss neu zu definieren. Wie können wir das Reisen geniessen, ohne zu fliegen? Wie das Essen geniessen, ohne jeden Tag Fleisch haben zu müssen?

Eine These rechter Politiker: Grüne würden nur gewählt, wenn die Wirtschaft brumme. Dann könne man es sich leisten.
Umweltkrisen geben uns stärker Auftrieb als Wirtschaftskrisen, das ist so. Aber eine grüne Wirtschaft ist auch eine nachhaltige Konjunkturpolitik – also auch ökonomisch sinnvoll und auch in Krisenzeiten tauglich. Eine grüne Wirtschaft generiert Investitionen und Arbeitsplätze. Ich habe 36 Jahre an einer Baugewerbeschule unterrichtet, und da gab es grossen Support für die grüne Wirtschaft. Sie leuchtete den Lehrlingen und sogar vielen SVP-Lehrmeistern sofort ein.

Können Klimabewegte und Grüne etwas lernen vom «Green New Deal», den die Linke der USA anstrebt?
Die ökologischen Forderungen sind weitgehend identisch. Auffällig ist, dass die Demokraten die soziale Frage viel stärker betonen, als das etwa unser Green-Deal-Programm 2009 getan hat. Zweite Auffälligkeit ist die Betonung der «Green Skills». Die Befähigung etwa, ein Haus isolieren und energiesparend beheizen zu können. Hier müssen wir in der Schweiz zulegen. Erstaunlich viele deutsche und österreichische Firmen betreiben bei uns ökologischen Häuserbau und -umbau. Nicht nur, weil sie billiger sind. Sondern eben auch, weil sie mehr Fachkräfte haben.

Apropos Technik-Expertise: Hat Ihre Partei genug davon? Ob wir den Klimawandel bewältigen können, hängt nicht zuletzt vom richtigen Einsatz der richtigen Technologien ab.
Unsere Partei hat sich in dieser Hinsicht stark gewandelt. Es gibt bei uns heute viel mehr ETH-Cracks und Phil-II-Absolventen, die uns ein grosses Know-how bieten. An der Parteispitze geht es allerdings weniger darum, selbst Technikwissen anzuhäufen. Sondern dieses Wissen in der Parteibasis fruchtbar zu machen.

Die Grüne Partei profilierte sich als Partei der Anti-AKW-Bewegung. Atomstrom wäre nun aber hinsichtlich des CO2-Ausstosses ziemlich attraktiv.
Wir können die Energiewende auch ohne Atomstrom schaffen. Und wir Grünen werden uns nie für AKW aussprechen. Das wäre einer von zwei Sündenfällen, den unsere Partei niemals begehen darf.

Und der zweite wäre?
Verrat am Pazifismus. Umweltschutz und Pazifismus sind die beiden Kernthemen der Grünen, denen wir treu bleiben müssen. Sonst gehen wir unter. Als die deutschen Grünen 1999 die Luftangriffe auf Kosovo bejahten, hat das die Partei gespalten und ihren Aufstieg während Jahren gebremst. Ein noch schlimmeres Schicksal blühte uns, wenn wir nun plötzlich AKW bejahen würden.

2011 haben die Grünen Stimmen verloren – trotz der Fukushima-Katastrophe, trotz klarem Anti-AKW-Wahlkampf.
Nach Fukushima waren wir im Hoch. Doch dann beschloss Doris Leuthard den Atomausstieg, und nach der Sommerpause schien die Sache erledigt. Wir hielten trotzdem am Atomausstieg als Hauptthema fest. Hier hätten wir rascher umdenken müssen, was beispielsweise den Sozialdemokraten besser gelang. 2015 verpassten wir vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise die grosse Chance, uns gegenüber der SVP als humanistische Alternative zu positionieren.

So etwas passiert Ihnen nicht noch einmal?
Die Voraussetzungen sind weit besser. Wir sind dieses Jahr thematisch breiter aufgestellt. Denken Sie nur an die Steuerreform, die wir zurzeit als einzige grosse linke Partei bekämpfen. Und die Klimabewegung wird es auch im Herbst noch geben. Der Bundesrat kann ja nicht den Ausstieg aus dem Klimawandel beschliessen.

Der letzte Sommer war ein Horror für viele Schweizer Bauern. Doch bislang wählten sie kaum grün.
Man muss differenzieren. Biobäuerinnen und Biobauern standen uns immer nahe. Sie zeigen allen, wie ökologisches Wirtschaften aussehen kann. Bei den konservativen Bauern, die tendenziell nationalistischer eingestellt sind als andere Berufsgruppen, trennt uns ideell nun mal einiges. Vor allem die Frage, wie sich die Schweiz zu Europa stellen soll. Aber angesichts des Klimawandels verlieren die Bürgerlichen auch bei konservativen Bauern an Boden. Das merke ich auch im Gespräch mit meinen Geschwistern, die bauern. Oder denken Sie an die Bilder, wie SVP-Bauer Andreas Aebi im letzten Hitzesommer nachdenklich vor seinen verdorrten Feldern stand. Die Grünen und die Bauern, da kann noch einiges passieren.

Bisher galt: Die Grünen legen nur zu, wenn die SP verliert. Stimmt die Formel noch?
Es wird immer darüber geredet, welche Partei welchen Parteien Stimmen weggenommen habe. Und viel zu wenig wird geschaut, wer Nichtwähler mobilisieren kann. Wenn die Wahlbeteiligung 50 Prozent beträgt, dann bieten die Nichtwähler ein riesiges Potenzial. Nehmen wir die Wahlen in Zürich: Zwar verlor die SP leicht, aber die Alternative Liste machte das wieder wett. Und zugleich legten die Grünen stark zu. Die Grünen schaffen es heute, bisherige Nichtwähler an die Urne zu bringen. Da ist offenkundig eine neue Zeit angebrochen mit der Klimabewegung. Und der Schweizer Sozialdemokratie ist das Kunststück gelungen, das Wegbrechen ihrer klassischen Wählerschaft, der Arbeiterschaft, zu kompensieren. Für die Schweizer Linke liegen mittelfristig über 40 Prozent drin. Alles läuft für uns gerade. Das liegt auch am zweiten grossen Wahlkampfthema des Jahres, über das wir noch gar nicht geredet haben.

Das wäre?
Frauen. Klima und Frauen, darum gehts jetzt in diesem Jahr. Der Frauenstreik am 14. Juni könnte richtig gross werden. Sogar ländliche und kirchliche Frauen planen jetzt mit. Frauen, die 1991 nicht einmal daran gedacht haben, an einem solchen Streik teilzunehmen. Und was die Gleichstellung der Frau angeht, sind die Linken eben auch viel besser aufgestellt, viel stärker engagiert als die Bürgerlichen.

Was ist mit den Grünliberalen? Verkappte FDPler, die nicht auf die Zuneigung linker Milieus verzichten wollen?
Ihr Erfolg ist erfreulich. Sie bieten strammen Bürgerlichen, die ökologisch denken, eine Alternative. In der Umweltpolitik arbeiten die Grünen mit den Grünliberalen seit langem sehr gut zusammen.

Wirds bald Zeit für eine grüne Bundesrätin?
Dafür müssten wir erst einmal auf mindestens 10 Prozent Wähleranteil kommen und diesen dann zwei, drei Legislaturen lang bestätigen. Aber es wäre ein Fehler, jetzt die Bundesratsfrage zu thematisieren. Dem für die Grünen wichtigsten Faktor ist diese nämlich völlig fremd: der Klimabewegung!

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