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Diese Serie räumt mit Klischees auf

«100 Leute» unterhält die Zuschauer mit pseudo-wissenschaftlichen Experimenten über die menschliche Natur. Und mit stichhaltigen Experten-Interviews.

Raphaela Portmann
Sammy Obeid, Zainab Johnson (Mitte), und Alie Ward führen den Zuschauer durch die Serie.
Sammy Obeid, Zainab Johnson (Mitte), und Alie Ward führen den Zuschauer durch die Serie.
Netflix

In der neuen Netflix-Serie «100 Leute» stellen sich 100 freiwillige Amerikaner unterhaltsamen Experimenten. Die drei Moderatoren Zainab Johnson, Sammy Obeid und Alie Ward führen Studien zu diversen Themen durch, um einige der hartnäckigsten Klischees über das menschliche Verhalten zu überprüfen. Stimmt es zum Beispiel, dass das Gedächtnis im Alter nachlässt, und reden Frauen wirklich mehr als Männer? In acht Folgen werden die Versuchsteilnehmer lustigen, anstrengenden und schmerzhaften Experimenten ausgesetzt.

Zwei grosse Reisebusse stehen bereit: Einer für die 50 anwesenden Frauen, der andere für die 50 männlichen Teilnehmer. In zehn Minuten startet die Reise. Doch erst haben die Probanden, welche durch eine Nummer gekennzeichnet sind, Zeit, sich ihren Proviant zusammenzustellen. Die Auswahl ist gross, die Uhr tickt. Nur wenige begeben sich nach und nach in die Busse.

Die These, die hier überprüft werden soll, ist, ob Frauen tatsächlich länger haben, um sich fertig zu machen. Davon wissen die 100 Versuchskaninchen natürlich nichts. Als sich die Türen schliessen und die Busse losfahren, sind 24 Frauen und lediglich 14 Männer mit von der Partie.

Frauen sind folgsamer

Die Ergebnisse der Studien werden jeweils mit Experten diskutiert. Darunter Jody David Armour, Professor für Recht an der University of Southern ­California, Daniel Joseph Levitin, ein amerikanisch-kanadischer Kognitionspsychologe und Neurowissenschaftler, sowie die Professorin für Geschlechterwissenschaften Juliet A. Williams.

Letztere ist von den Resultaten des ersten Experiments nicht überrascht: «Die meisten Menschen sind pünktlich, wenn es von ihnen erwartet wird. Männer weichen wohl eher von dieser Erwartung ab. Das mag sein, weil Frauen eher dazu erzogen sind, gefallen zu wollen. Sie sind konformer, folgsamer. Männer hingegen sind oft dazu erzogen, unabhängig zu sein.»

In einer weiteren Studie über Geschlechterunterschiede wird die Geschwätzigkeit von Frauen und Männern auf den Prüfstand gestellt: Reden Frauen wirklich mehr? Ja – sagen die Ergebnisse. Während männliche Probanden rund 123 Wörter brauchen, um einem unwissenden Dritten ein simples Spiel zu erklären, benutzen weibliche Teilnehmer im Schnitt 147 Wörter für die gleiche Aufgabe.

Dazu sagt die Soziolinguistin Nicole Holliday: «Es ist ein Klischee, dass Frauen mehr reden als Männer. Vieles, was ­angeblich geschlechtsspezifisch ist, ist in Wahrheit eine Machtfrage.» Machtlosigkeit werde häufig über Sprache kompensiert. «Wenn mir oft nicht zugehört wird, kann eine Reaktion darauf sein, noch mehr zu reden», so Holliday. ­Weniger soziale Macht bedeute mehr linguistische Arbeit.

Klüger im Alter

Die Studien kommen alles in allem eher pseudowissenschaftlich daher: Störfaktoren werden häufig nicht berücksichtigt, und die Ergebnisse können daher nicht für bare Münze genommen werden. Kann im Bus-Experiment zum Beispiel ausgeschlossen werden, dass sich eine Gruppendynamik unter den Frauen entwickelt hat? Der Fokus der Show liegt, wie bei Netflix zu erwarten ist, auf Unterhaltung, nicht auf stichhaltigen wissenschaftlichen Resultaten.

Für akademischen Mehrwert sorgen immerhin die Gäste. In der zweiten Folge ergibt ein Experiment, dass sich Menschen in ihren 20ern und 60ern mehr Dinge merken können, als 30-, 40- und 50-Jährige. Der US-Schriftsteller Daniel H. Pink erklärt dies so: «Es gibt verschiedene Arten der Intelligenz. Die fluide und analytische Intelligenz: die Fähigkeit, neue Probleme zu lösen, vergleichbar etwa mit der Rechenleistung eines Computers. Diese Werte sind am besten in den 20ern und fallen danach ab.» Aber es gebe auch die sogenannte «auskristallisierte Intelligenz», das angesammelte Wissen eines Menschen: Ich weiss, wie das geht, weil ich das schon mal gesehen habe. Diese Intelligenz steige im Verlauf des Lebens. «Die 20er und 60er sind folglich vielleicht am schlausten – aber auf verschiedene Arten.»

Intelligenter als andere

Die Serie «100 Leute» bietet leichte Unterhaltung und regt immer wieder zum Nachdenken an. Schätzen Sie sich beispielsweise als intelligenter, ehrlicher oder attraktiver als der Durchschnitt ein? Wenn ja, sind sie nicht allein: Mehr als die Hälfte der Menschen tut dies – was statistisch natürlich unmöglich ist.

Könnte Ihre überdurchschnittliche Attraktivität Ihnen aber auch ein milderes Urteil vor Gericht ermöglichen? Mit solchen und ähnlichen Fragen beschäftigt sich die Show.

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