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«Die Schweizer sind schnell beleidigt»

Alfredo Lardelli will von Roger Schawinski eine Million Franken, weil dieser ihn «Verkehrsrowdy» nannte. Auch sonst wimmelt es heute von Leuten, die sich in «ihren Gefühlen verletzt» fühlen. Weshalb?

Herr Raeth, Sie haben das Buch «Die Kunst der Beleidigung» geschrieben. Weshalb fühlen sich so viele Leute wegen vermeintlichen Lappalien gleich beleidigt? Das Naturell einzelner Menschen und Völker ist sehr unterschiedlich. Da die Schweizer ein höfliches Volk sind, sind die Leute da wohl schneller beleidigt als andere Menschen, weil sie den schroffen Umgangston nicht gewohnt sind. Ein anderer Grund kann sein: Strategie. Sich beleidigt zu fühlen, oder öffentlich beleidigt zu sein, kann einen anderen beispielsweise politisch ins Abseits stellen.

Gibt es auch einen biologischen Grund, dass man sich beleidigt fühlt? Eine Beleidigung ist ein Angriff auf die Ehre. Ein Stinkefinger mag Sie persönlich vielleicht nicht treffen, sicherlich aber, wenn ich Ihnen sagen würde: «Sie sind ein mieser Journalist.» Historisch gesehen kam erst mit dem Begriff der Ehre auch die Beleidigung auf. Zunächst war durch die Sünde die Ehre Gottes in Gefahr. Später dann die Ehre der Herrschenden, etwa in Form der Majestätsbeleidigung. Noch später kamen Sub-Ehren hinzu, die beleidigt werden konnten, zum Beispiel die Offiziersehre oder die Handwerkerehre. Bis heute kann sich jeder in seinem Kontext ziemlich rasch beleidigt fühlen, insbesondere wenn es um Dinge geht, die man sehr persönlich nimmt. Ich glaube aber, dass es sich dabei um ein gesellschaftliches und nicht um ein biologisches Phänomen handelt.

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