Die NZZ und der Penis-Journalismus

Dass Journalisten mit Stuss ihr Geld verdienen können, ist verwunderlich. Der Blick am Abend schraubt das Niveau auf ungeahnte Tiefen. Das machte nun die NZZ sprachlos.

Die Grösse zählt eben doch: Der Blick am Abend widmete sich einem internationalen Längenvergleich.Blick am Abend

Die Grösse zählt eben doch: Der Blick am Abend widmete sich einem internationalen Längenvergleich.Blick am Abend

«Das Ende des Journalismus» verkündete letzte Woche der Medien-Spezialist der NZZ, und dies sind freilich grosse Worte in einer Zeit, in der Schund und Schwachsinn in manchen Zeitungen geradezu gewohnheitsmässig geworden sind. Das Spektrum des publizistischen Niveaus ist hierzulande gross: am einen Ende die NZZ, am anderen der Blick am Abend. Und just an Letzterem hat der NZZ-Redaktor Anstoss genommen. «Hier gibts die grössten Pimmel!» verhiess ein Titel im Blick am Abend. Von Nordkorea über die Schweiz bis Kongo handelte die Gratiszeitung sodann eines «der grössten Mysterien der Menschheit: die Penisgrösse» ab.

Land und Längen wurden genannt und die Angaben mit Bildern von Prominenten aus verschiedenen Erdteilen unterlegt, die mit Handsignalen unterschiedliche Längen angeben. Für dieses Werk – die Bilder sind völlig aus dem Kontext gerissen – müssen etwa der nordkorea­nische Diktator Kim Jong Un, Alt-Bundesrat ­Christoph Blocher und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel herhalten.

Der NZZ-Redaktor befindet, dieses redaktionelle «Produkt» habe «selbst einen vom täglichen Medienschrott abgebrühten Beobachter kurzfristig sprachlos» gemacht. Im Newsroom von Ringier gebe es offenbar keine minimale Qualitätskontrolle, stellt der leider schon vieles Gewohnte ernüchtert fest.

Davon, dass die Kommunikation zwischen den beiden Nachbarn im Zürcher Seefeld, Ringier und NZZ, nach wie vor intakt ist, zeugte die Reaktion von Blick am Abend. Sie publizierte sogleich ein Interview mit dem «Pimmel-Autor», wie ihn die eigene Zeitung nannte. Der junge Mann meinte, er fühle sich der alten Tante, wie die NZZ auch genannt wird, sehr verbunden, «schliesslich verbrachte ich meine Lehrzeit an der Falkenstrasse. Ich habe dort von den Besten gelernt.» Weiter: «Wir beerdigen den Journalismus nicht, wir geben ihm eine neue Dimension.»

Daran darf gezweifelt werden. Dass der Artikel ein völliger Stuss ist, dem hingegen ist zu hundert Prozent beizupflichten. Dass Journalisten so Geld verdienen können, trotz Medienkrise, ist jedenfalls verwunderlich. Vielleicht zeigt dies, dass es Ringier noch entschieden zu gut geht.

Und doch möchte ich eine kleine Lanze ­brechen für den Blick am Abend. Die Schweizer Trash-Zeitung schlechthin will nichts; nichts als unterhalten. Sie ist damit manchmal sogar witzig und vor allem ehrlicher und glaubwürdiger als ihre Schwester 20 Minuten; eine Zeitung, die dem Leser eine ernsthafte journalistische Haltung vorzuspielen versucht, die sie in praktisch keinem Teil einhalten kann und mir damit weitaus unerträglicher ist. Heute ist es aber so, dass nicht nur Leute von der NZZ zu Blick am Abend wechseln, sondern auch Journalisten von 20 Minuten zur NZZ. Das sollte der alten Tante zu denken geben. Denn sie will schliesslich Journalismus machen.

Basler Zeitung

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