Der Anarchist, der über sich lachen konnte

Tomi Ungerer starb 87-jährig. Seine Karikaturen erotischer Obsessionen brachten ihm Verbote und empörte feministische Reaktionen.

Der Gedanke an den Tod war stets präsent: Tomi Ungerer lebt nicht mehr. (10. Oktober 2018)

Der Gedanke an den Tod war stets präsent: Tomi Ungerer lebt nicht mehr. (10. Oktober 2018)

(Bild: Keystone Marijan Murat)

«Tomi Ungerer weiss, dass man sich nicht nur durch das Leben, sondern auch das Zeichnen zu listen hat», schreibt Friedrich Dürrenmatt in seinem Vorwort zu «Babylon». In dieser Apokalypse der Gegenwart, entstanden 1979, überschritt der grosse Zyniker Ungerer mit seiner diabolischen Gesellschaftskritik wieder die Grenzen von Anstand, Sitte und Moral. Er schien sie Zeit seines Lebens gar nicht wahrzunehmen. Und Dürrenmatts Warnung gilt für sein gesamtes grosses Oevre: «Den Mut, die folgenden Seiten zu betrachten, musst du, lieber Leser und Kunstfreund nun aufbringen. Auch du bist ein Zeitgenosse. Ich weiss, es macht keinen Spass.»

Doch Ungerer selbst machte es oft höllischen Spass. Als selbsternannter Anarchist, der aber auch über sich lachen konnte, war Herausforderung seine Lebensstrategie. Die Camouflage, mit der er sich tarnen und hinter der er sich verbergen konnte, um mit kindlichem Vergnügen die verstörende Wirkung seiner Bilder, seiner Geschichten und seiner öffentlichen Auftritte zu geniessen.

Touché!

Bei einer Begegnung mit ihm, in den 90er Jahren, gab es nur zwei Möglichkeiten auf seine verbalerotische Begrüssungsattacke zu reagieren: Entrüstung oder Gegenangriff. Touché! Nun noch sein Rotweinglas unauffällig verschwinden lassen und Ungerer erzählte über sein Leben in Irland und seine Arbeit als Bilderbuchillustrator und als politischer, satirischer und erotischer Chronist mit dem Zeichenstift.

Schon in der Kindheit und Herkunft wurden dazu die Voraussetzungen geschaffen, denn Tomi Ungerer wurde 1931 in eine Zeit und in einen Landstrich, das Elsass hineingeboren, die von Anfang an einem künstlerisch begabten und hochsensiblen Kind kaum ein bürgerliches Leben bieten konnten. Besonders, da der frühe Tod des Vaters ihn traumatisierte. Er erlebte die Besatzung durch die Deutschen, die Kriegsgreuel und erzählte bis zum Lebensende davon, wie ihn die Nazi-Ideologie geprägt hatte. 2011 in einem Interview: «Ich bereue nicht, ein Teil von dieser Erziehung gewesen zu sein. Es war ja nicht meine Schuld. Ganz jung hatte ich aber schon ein Bewusstsein dafür, was Unrecht ist. Ich bin fasziniert, wie sich im Menschen das Böse entwickeln kann.»

Bilder: Der Moralist mit dem schärfsten Strich der Welt

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Nach Kriegsende begann die schwierige Phase der Repatriierung durch Frankreich, die Tomi Ungerer zu einem überzeugten Europäer machte, sogar 2000 zu einem Mitglied des Europarates als «Botschafter für Kindheit und Erziehung».

Keine Heile-Welt-Darstellungen

Doch schon in seiner Jugend gilt er als aufsässig und renitent, mit einer offenkundigen künstlerischen Begabung und gelangt ohne Schul- und Berufsabschluss und auf einigen abenteuerlichen Umwegen als 25-Jähriger nach New York. Schier am Verhungern und verzweifelt, wird ihm das Zeichnen eine Therapie, gepaart mit unglaublichem Arbeitswillen. Sein erstes Bilderbuch, die Schweinegeschichte «Die Mellops gehen fliegen», brachte ihm Erfolg.

Doch gleich, wie alle seine weiteren Bilderbücher in den USA, Kritik und Verbot, denn realistisch-moralische und gleichzeitig subversive Erzählweise, die auch den Schrecken darstellt, schien für Kinder nicht angemessen. Er wendet sich gegen die Heile-Welt-Darstellungen. «Ich habe viele Jahre keine Kinderbücher geschrieben, weil es so viele Titel gibt und eines schlimmer und süsser als das andere. Es gibt so viel Puschi-muschi, Fisch-faschi», sagte er in einem Interview.

Keine Pornografie, sondern erotische Satire

Parallel dazu wird er berühmt als Karikaturist des «New Yorker», mit Werbung und seinen politischen Kampagnen gegen den Vietnam-Krieg. «Jede Zeichnung ist ein Blitzkrieg». Die ihn schliesslich, es ist die McCarthy-Ära, auf die Schwarze Liste der Einwanderungsbehörden brachte. Seine Karikaturen erotischer Obsessionen z. B. in dem Band «Fornicon» brachten ihm Verbote und empörte feministische Reaktionen nicht nur in den USA, die er immer wieder abwehrte: «Ich habe nie Pornografie gemacht, sondern erotische Satire.»

Ihn faszinierten «Höllenbräute, Stiefelfrauen, das Grauen des inszenierten Hexensabbats einer dekadenten, abgebrühten menschenverachtenden Gesellschaft», schrieb die deutsche Kinderbuchautorin Ute Blaich einmal über ihn.

«Mein Grab soll ein Elevator sein»

Schliesslich verliess Ungerer 1971 die USA, um mit seiner Familie als Farmer zu leben. Erst in Kanada und dann in Irland. Neben der Viehzucht und Farmarbeit zeichnete und veröffentlichte er weiter. Sein grösster Erfolg wurde das «Liederbuch», ein Beispiel dafür, wie er mit der scheinbar biedermeierlich heiteren Welt hinterfotzig spielt, das Grauen inbegriffen.

Der Gedanke an den Tod beschäftigte ihn sein ganzes Leben, denn seine Kindheitserfahrungen verfolgten ihn bis ins Alter als Albträume. 1991, nach drei Herzinfarkten und einer schweren Krebserkrankung, beschrieb er sein Grab: «Ich bin mein ganzes Leben gestanden, also möchte ich auch stehend begraben werden. Mein Grab soll ein Elevator sein: Ein Schacht im Boden, ein Lift mit einer Tür und einer Lücke für meine Augen. Man drückt auf einen Knopf, dann komme ich wieder nach oben und kann über die elsässische Ebene sehen. Das ist die totale Arroganz. Ich bin total arrogant.»

Jetzt ist Tomi Ungerer im Haus seiner Tochter in Irland mit 87 Jahren gestorben.

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