Das Tarantino-Prinzip

Hintergrund

«Grand Theft Auto V» ist das teuerste Videogame der Geschichte. Es wartet mit Pop-Zitaten, einer flirrenden Ästhetik und einer zweifelhaften Moral auf.

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Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Im Computerspiel «Grand Theft Auto V», kurz GTA 5, gibt es ungewöhnlich lange, ereignislose Autofahrten. Fahrten, in denen die Spielfigur über Pop-Phänomene und Befindlichkeiten redet. Und redet und redet und redet. Und plötzlich knallts: roter Saft, Reifenquietschen, Querschläger. Brutale dramaturgische Brüche, wie sie seit Quentin Tarantinos «Pulp Fiction» fest im kulturellen Gedächtnis verhaftet sind.

Tarantinos ebenso gewalttätige wie absurde Parallelwelt ist zum Fluchtpunkt der GTA-Serie geworden, deren pixeliger Ursprung ins Jahr 1997 zurückreicht. Im Kern gehts wie stets um handfeste Gewalt und Kriminalität. Also Auto knacken, rasen und ballern, dann das Auto verticken und Geld kassieren. Damit verbringt der Spieler auch in der neusten Ausgabe seine meiste Zeit, und natürlich gibt es Autotypen, Waffen und Tuning-Optionen in Massen. Darum herum haben die Entwickler der schottischen Firma Rockstar einen luxuriösen Kokon schillernder Satire gesponnen; die Produktion des Games kostete 125 Millionen Franken, mehr als ein durchschnittlicher Hollywood-Blockbuster wie etwa «Wolverine».

Nicht nur Apple veräppeln

Die Spiellandschaft besteht aus einem klischierten Los Angeles, Los Santos genannt. Tausende Figuren leben hier, die Fülle an Details und Anspielungen ist überwältigend. So ist ein Softwarekonzern namens Fruit in Los Santos ansässig, die Mitarbeiter huldigen ihrem CEO kultisch wie die Apple-Fans früher Steve Jobs. Es gibt auch ein Facebook-Pendant namens «Lifeinvader», und die Bewohner vertiefen sich gierig in einen Schmöker namens «Chains of Intimacy» – eine Parodie des Sadomaso-Bestsellers «Fifty Shades of Grey». Ein Game im Game gibt es ebenfalls: Für das Spiel «Righteous Slaughter 7», eine ironische Reverenz an den Egoshooter «Call of Duty», wird mit dem Slogan «Die realistische Kunst zu töten» geworben.

Auch sonst wimmelt es von popkulturellen Zitaten. Die Inszenierung der Banküberfälle erinnert stark an Michael Manns «Heat» und mitunter auch an Steven Soderberghs «Ocean’s»-Filme. Die sozialen und psychologischen Verstrickungen der Figuren ähneln aktuellen TV-Serien, insbesondere «Breaking Bad». Wie deren Protagonist Walter White hält sich Trevor, eine der drei GTA-Spielfiguren, mit dem Köcheln von Crystal Meth über Wasser.

Trevor ist ein Antiheld, den die Sub-Prime-Krise abgewrackt hat. Der Spieler merkt dem Game beim Fahren durch Los Santos die fünf turbulenten Jahre an, die seit GTA 4 vergangen sind: verfallene Bungalows hier und dort, Obdachlose halten ihre Pappschilder in die Höhe, Bürgerwehren patrouillieren. Die Orientierungslosigkeit der Gesellschaft spiegelt sich in der Orientierungslosigkeit des Gameplays: Was tun in dieser so harten und so riesigen Spielwelt, die so gross ist wie die drei GTA-Vorgänger zusammen? Der Gamer nimmt wie ein Dämon wechselweise von den Spielfiguren Besitz, die Handlung ist offen, ebenso die Auswahl der Berufe – wobei der Autodiebstahl («Grand Theft Auto» ist ein Begriff des amerikanischen Strafrechts) jederzeit als lukrative Option lockt.

In den moralischen Dilemmas

Wie Tarantinos Filme spielt auch GTA 5 mit moralischen Dilemmas. So kann sich der Gamer in den Dienst des US-Antiterrorkampfs stellen und mittels Waterboarding von Terroristen Geständnisse erpressen. «It’s legal!», flüstern ihm die Vorgesetzten ein, und Erinnerungen ans Milgram-Experiment werden wach. Der Spieler kann durch solche Quälereien Geld verdienen, Aufträge schneller erledigen, sich neue Arbeitsfelder erschliessen. GTA 5 zwingt ihn aber nicht dazu, im Gegensatz zu älteren Computerspielen, deren strikt linearer Verlauf die Gamer eines ethischen Urteils enthob. Das Spiel schliesst damit an die revolutionäre «Bioshock»-Serie an, deren Spiel eine digitale Gratwanderung zwischen Gut und Böse ist.

Fragwürdig allerdings, ob sich diese Finessen den jugendlichen Gamern tatsächlich erschliessen, die das Hauptpublikum von GTA bilden und die nun dafür sorgen, dass das Game in Kürze amortisiert wird. GTA 4 spielte 2008 in der ersten Verkaufswoche eine halbe Milliarde Dollar ein. Bereits für eine hitzige Genderdebatte sorgte ausserdem die Tatsache, dass die Frauen in diesem Spiel nicht einmal wie bei Tarantino die Wahl zwischen Rächerin, Hure oder Heiliger haben, sondern dass sie samt und sonders aus einem Video von 50 Cent nach Los Santos gestöckelt zu sein scheinen.

Vermessen ist es daher, GTA 5 die Tiefe eines russischen Romanklassikers zuzuschreiben, wie das der euphorisierte Kritiker einer britischen Tageszeitung getan hat. Denn sobald die Action losgeht – das zeigen die vielen bereits im Netz kursierenden Kampfsequenzen – sind alle satirischen Spitzen gebrochen und alle psychologischen Nuancen geplättet. Wie bei Tarantino überlagert in GTA 5 die amoralische Freude am kunstvoll inszenierten Geballer die Möglichkeit einer präzisen Sozialkritik. So bilden die vielfältig funkelnde und flirrende Fassade von Los Santos, die ganzen Pop-Zitate und die Links in die Gegenwart eben doch nur ein Ornament der Gewalt. Wie die Bibelpassage, die Samuel L. Jackson in «Pulp Fiction» feierlich verliest – bevor er eine weitere Geisel erschiesst.

baz.ch/Newsnet

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