Das halten Nichtchristen von Weihnachten

Was machen Andersgläubige am 24. Dezember? Und was bedeutet ihnen Weihnachten? Eine Umfrage im Haus der Religionen.

Kerzen spielen auch an Chanukka eine wichtige Rolle. Das jüdische Fest hat noch weitere Ähnlichkeiten mit Weihnachten, erzählt Henri Mugier. Er feiert beide Feste.

Kerzen spielen auch an Chanukka eine wichtige Rolle. Das jüdische Fest hat noch weitere Ähnlichkeiten mit Weihnachten, erzählt Henri Mugier. Er feiert beide Feste.

(Bild: iStock)

Aleksandra Hiltmann@thisisAleksa


Henri Mugier
Jüdische Gemeinde

«Für mich als Jude hat Weihnachten keine religiöse Bedeutung, auch wenn ich, wie schon in den Vorjahren, beim Weihnachtsfest meiner christlichen Verwandten dabei sein werde.

Unser Chanukka-Fest, das ungefähr zur selben Zeit stattfindet, hat aber viel mit Weihnachten gemeinsam. Oberflächlich betrachtet, mag das erstaunen – beim christlichen Fest geht es um die Geburt von Jesus, beim jüdischen um die Rückeroberung und Wiedereinweihung des Jerusalemer Tempels durch die Makkabäer nach der griechischen Besetzung. Aber bei beiden Festen geht es um zunehmendes Licht, welches wir mit Kerzen darstellen. Das weist auf die eigentliche Herkunft des Fes­tes hin: die Wintersonnenwende. Die Gemeinsamkeit zeigt sich auch im Namen: Chanukka heisst Einweihung, was dem Namen Weihnacht entspricht.

Dass wir den Kindern heute Geschenke geben zu Chanukka, ist eine Angleichung an Weihnachten. Wir wollen sie nicht benachteiligen. Wir alle kriegen Weihnachten ja handfest mit. In Basel und Zürich hat man begonnen, öffentlich einen grossen Chanukka-Leuchter zu entzünden. Damit soll auch die nicht jüdische Bevölkerung etwas von unserer Tradition mitbekommen.»


Selvi Demir
Alevitische Gemeinde

«Mein Partner ist Christ. Weihnachten feiere ich mit ihm und begleite ihn in die Kirche. Auch er feiert mit mir alevitische Feste. Zum Beispiel Gagan, das wir in den letzten drei Dezember­wochen begehen.

Gagan ist ähnlich wie Weihnachten und das Nikolausfest. Gleichzeitig verabschieden wir uns vom alten Jahr und begrüssen das neue. Wir wünschen uns, dass Menschen und Tiere durch den harten Winter kommen. Dort, wo ich herkomme, aus der mehrheitlich kurdisch-alevitischen Provinz Dersim (türk. Tunceli, A.d.R.), war gerade früher die Armut gross und die Winter kalt. Und so sammeln die Leute zu Gagan Unterstützung für jene, die nicht so viel haben. Das können Lebensmittel sein oder was man sonst für den Haushalt braucht. Es wird zusammen gekocht und gebacken. Feuer ist wichtig, jeden Abend werden Kerzen angezündet. Wir besuchen den Friedhof. Für die Kinder gibt es Spiele. Am Abend erzählen wir Märchen.

Ich habe meinen Kindern nie vorgeschrieben, was sie glauben oder feiern müssen. Bei uns Aleviten stehen der Mensch und seine freie Entscheidung im Mittelpunkt. So habe ich auf Wunsch der Kinder auch einen Weihnachtsbaum aufgestellt und Geschenke daruntergelegt. Sie sollten sich nicht ausgeschlossen fühlen. Und auch ich geniesse es, Weihnachten erleben zu können.

Ich wuchs in einer sehr offenen Kultur auf. Doch diese wird in der Türkei bis heute unterdrückt. Dass wir im Haus der Religionen alle zusammenkommen können, finde ich schön. Wir sollten dieses Haus sehr schätzen.»


Hildi Thalmann
Buddhistische Gemeinde

«Dieses Weihnachten werde ich in einem chinesisch-buddhistischen Chan-Retreat in Upstate New York verbringen. Die Weihnachtszeit ist für mich die Zeit, in der ich in die Stille gehe. Ich klinke mich aus dem hektischen Alltag aus, lasse den PC aus, lese keine Nachrichten. Dafür meditiere ich viel und mache stille Spaziergänge.

Trotzdem gibt es bei uns im Dezember oder Januar ein Familienfest. Natürlich mit allem Drum und Dran: Lichter, Geschenke für die Kinder.

Was ist dabei Kultur, was Religion? Meiner Meinung nach steckt viel Kultur in Weihnachten, und bei kulturellen Angelegenheiten fällt es den Leuten leichter, mitzumachen. Ich jedenfalls habe keine Mühe, an Festtagen anderer Religionen teilzunehmen.»


Zeinab Ahmadi
Muslimische Gemeinde

«Über die Weihnachtsferien möchte ich mein freiwilliges Engagement in Altersheimen der frankofonen Schweiz anbieten. Ich erhoffe mir davon viele schöne Begegnungen und auch die Möglichkeit, meine Französischkenntnisse zu verbessern. In anderen Jahren bin ich ins Ausland verreist. Wenn hier alles zu ist und alle weg sind, ist die Stadt wie ausgestorben. Doch die Weihnachtszeit an sich gefällt mir sehr. Die Stimmung und all die Lichter reissen mich jedes Jahr von neuem mit.

Ich war auch schon bei Freunden zum Familienweihnachts­essen eingeladen. Es hat mich sehr berührt, an so einem wichtigen, privaten Fest dabei sein zu können.

Als Kind habe ich Weihnachten sehr nahe miterlebt. In der Schule haben wir Weihnachtslieder gesungen und Weihnachtsgeschichten gelesen. Es war schön, Teil davon zu sein. Erst nach den Feiertagen fühlte ich mich kurz ausgeschlossen, wenn alle von ihren Geschenken erzählten. Aber das ging schnell vorbei.

Über die Jahre hat es sich so ergeben, dass sich auch unsere Familie während der Festtage trifft – alle haben frei. Wir essen und schauen danach gemeinsam Weihnachtsfilme – es läuft ja praktisch nichts anderes im Fernsehen. Aber wir nehmen das mit Humor. Mittlerweile ist es zu einer Art Tradition geworden.

Ein Weihnachtsbaum steht bei uns nicht. Von einigen muslimischen Bekannten weiss ich aber, dass sie einen aufstellen. Sie interpretieren das Fest nicht im streng religiösen Sinn.

Ich finde, dass auch wir Muslime mehr von unseren Feiertagen erzählen sollten. Zum letzten Ramadan habe ich unseren Nachbarn Datteln gebracht, und es haben sich schöne Gespräche ergeben. Ich habe ihnen erzählt, dass mit dem Ramadan eine wichtige Zeit für mich anstehe, ähnlich wie für sie Weihnachten. Es ist die Zeit, in der ich mich besinne, an mir arbeite und viel Zeit mit der Familie verbringe. Der Höhepunkt ist das Fastenbrechen am Ende des Ramadan, wenn alle zusammenkommen, um zu feiern.

Es freut mich, zu sehen, dass es immer mehr offene Fastenbrechen gibt. Ich denke, dass die jüngeren Generationen einen offeneren Umgang mit muslimischen Feiertagen haben und das vermehrt nach aussen tragen werden.»


Andreas Bretscher
Baha’i-Gemeinde

«Für mich ist Weihnachten ein Tag wie jeder andere. Ich habe bereits vor meinem Eintritt in die Baha’i-Gemeinschaft nicht daran geglaubt, dass Jesus am 25. Dezember geboren wurde. Aus meiner Sicht dreht sich an Weihnachten heutzutage viel um Äusserlichkeiten. Als ich Baha’i wurde, war das ein guter Grund, damit endgültig Schluss zu machen. Natürlich gibt es viele Baha’i, die in Mischehen leben und Weihnachten feiern, vielleicht nicht aus innerer Überzeugung, sondern weil es ein Familienfest ist. Ich dagegen besuche lieber die Baha’i-Winterschule, ein schweizweites Treffen, das über die Festtage stattfindet, weil dann viele Zeit haben.

Trotzdem: Für uns Baha’i sind alle Religionsstifter wichtig, auch Jesus. Wir glauben an einen Gott, aber auch an die mystische Einheit der Religionen. Unser Glaube legt uns zudem nahe, Vorurteile zu erkennen und zu überwinden. Besonders religiöse Vor­urteile können zum Schlimmsten führen.»


Sivakeerthy Thilaiambalam
Hinduistische Gemeinde

«Am 24. Dezember werde ich im Shiva-Tempel am Europaplatz in Bern sein. Andere Gemeindemitglieder werden zu Weihnachtsfesten von Freunden und Bekannten eingeladen sein.

Zehn Prozent der Tamilinnen und Tamilen in der Schweiz sind Christen. Die Adventszeit ist für unsere Gemeinde streng. Zusammen mit der christlichen Gemeinde organisieren wir interreligiöse Anlässe.

Dieses Jahr haben wir zusammen zum ersten Mal das Lichterfest mitgefeiert. Nach einem Friedensmarsch mit Fackeln gab es Chai, Samosas und musikalische Darbietungen. Es geht uns dabei nicht um religiöse Rituale, sondern um menschliche Begegnungen.

Ich persönlich bin nicht streng religiös. Trotzdem möchte ich meine Kultur und meine Sprache meinen Kindern weitergeben. Aber ohne sie zu etwas zu zwingen. Meine Kinder besuchen auch den Bibelunterricht. Ich möchte, dass sie möglichst viel von anderen Religionen mitbekommen. Sie sollen alles mitmachen dürfen, was sie wollen. Auch Weihnachtslieder singen.

Während Weihnachten haben wir gleichzeitig unsere eigenen Feiern. In unserer Religion gibt es einen Gott. Aber der hat viele Formen. In unserem Tempel in Bern stehen 16 Schreine. Jede Gottesform wird jeden Tag mit einem eigenen Anlass gefeiert, wobei an 220 Tagen speziell gefeiert wird.

Dieses Jahr war einer der Höhepunkte am 23. Dezember, das Fest des Gottes Shiva. Auch heute wird im Tempel speziell gefeiert. Wir verehren den Gott Shiva und die Göttin Parvati, die Ehefrau von Shiva und Mutter von Ganesha und Murugan, in Ritualen und beten für ein glückliches Leben für alle Lebewesen.»

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