Zum Hauptinhalt springen

Das Erbe der Punks lebt

Ursula Glatz, Präsidentin des Rattenclubs der Schweiz, kümmert sich in ihrer Pflegestation um ausgesetzte, kranke und misshandelte Ratten.

«Es sind vor allem die Hinterhofzuchten, die uns das Leben schwer machen»: Ursula Glatz, Präsidentin des Rattenclubs Schweiz.
«Es sind vor allem die Hinterhofzuchten, die uns das Leben schwer machen»: Ursula Glatz, Präsidentin des Rattenclubs Schweiz.
Christian Flierl

In den Achtziger- und Neunzigerjahren war die Ratte das Lieblingstier der Punks – ein Aussenseitertier, mit dem man Normalos wunderbar erschrecken konnte, das dann aber in der eigenen Jackentasche überaus zutraulich war. Inzwischen sind die Punks auf Hunde umgestiegen, aber die Ratten haben sich trotzdem vermehrt. Vor ein paar Tagen musste Ursula Glatz notfallmässig ausrücken, ein Anruf aus Egerkingen, vor dem Einkaufszentrum habe jemand Kartons mit siebzig Ratten abgestellt, Männchen und Weibchen wild durcheinander. «Vielleicht ein Hobbyzüchter, dem das alles über den Kopf gewachsen ist», meint Glatz.

So gross wie ein kleiner Finger

Die Weibchen nahm sie zu sich in die Pflegestation des Rattenclubs nach Titterten BL, die übrigen Tiere wurden auf andere Tierheime verteilt. Rund die Hälfte der Weibchen hat inzwischen geworfen, Würfe bis zu zehn Junge, und jeden Tag werden es mehr. Eine gewaltige «Explosion», die nur mit dem Gang zum Tierarzt beendet werden kann: «Euthanasie ist in einem solchen Fall die einzig sinnvolle Lösung», sagt Glatz, auch wenn es Tierschützer gäbe, die das unmoralisch fänden. Den Müttern lässt man zwei bis drei Babys, damit der Schock nicht zu tief sitzt.

Rund dreissig Babys hat der Club inzwischen an private Plätze vermitteln können, ausgewachsene Ratten wolle ohnehin kaum jemand haben. Und so wuseln in den Käfigen der Pflegestation die Mütter hin und her und säugen ihre Jungen, die gerade mal so gross sind wie ein kleiner Finger. Rosa-transparent und erst mit kurzem Schwanz.

Für die Forschung gezüchtet

Egerkingen ist kein Einzelfall, Glatz hat teilweise bis zu sechzig Tiere in ihrer Station. «Es gibt in der Schweiz viel zu viele Ratten», sagt sie. Glatz präsidiert den Rattenclub, eine Sektion des Schweizer Tierschutzes, nun schon seit zehn Jahren. Mit den Messies, denen die Polizei immer mal wieder die Wohnung samt Ratten räume, könne sie ja noch irgendwie leben. «Es sind vor allem Hinterhofzuchten, die uns das Leben schwer machen.» Zum Teil seien die Tiere in einem erbärmlichen Zustand. Glatz erzählt von einem Fall, in dem der Auslauf so klein war, dass sich die Ratten an den Beinen selber auffrassen. Ein anderes Mal hatten die Tiere Brandverletzungen von ausgedrückten Zigaretten.

Ratten werden heute vor allem für die Labor-Forschung der Pharmaindustrie gezüchtet, und dies nicht immer unter idealen Bedingungen. Grundsätzlich werden sie auf Krankheiten wie Diabetes, Fettsucht oder Krebs absichtlich disponiert, denn bei Laborversuchen müssen sie möglichst rasch auf das zu testende Medikament ansprechen. Was dazu führt, dass Ratten diese Krankheiten in hohem Masse in sich tragen. Fast ausnahmslos erkranken alle im Alter von etwa zwei Jahren an Tumoren oder an Lungenentzündungen.

Depressive Einzeltiere

Was aber nichts an ihrer Beliebtheit ändert, im Gegenteil. Die Punks haben sie zwar nicht mehr im Hosensack, aber die Etablierten lassen sie dafür im Wohnzimmer laufen. «Wir haben in unserem Rattenclub auch Akademiker und Geschäftsleute», sagt Glatz, und sie erzählt von einem Geschäftsmann mit Villa, der eigens einen riesigen Raum für seine zwölf Tiere einrichten liess.

Viele der Clubmitglieder haben ein speziell gestaltetes Rattenzimmer, das den Tieren mit Verstecken und Spielmöglichkeiten Anregung verschafft. Mindestens zwei Stunden Auslauf sollte man den Nagern täglich gönnen. Denn Ratten sind intelligente, reinliche und höchst soziale Tiere, in Einzelhaltung werden sie depressiv. Darum platziert der Rattenclub jeweils am liebsten drei bis sechs Tiere aufs Mal. «Eigentlich sind Ratten die idealen Spielgefährten für Kinder, wenn die Eltern hinter der Sache stehen», findet Glatz «viel eher als Hamster und Meerschweinchen, die sich nicht gern streicheln lassen.»

Allesfresser, die nicht alles fressen

Belle, die alte, schwarz-weisse Ratte, die bereits länger in der Pflegestation lebt, ist so verschmust, dass es schon fast nervt. Am wohlsten ist ihr, wenn man ihr nonstop den Bauch krault. Dabei geben Ratten einen speziellen Laut von sich, nur können wir ihn nicht hören, weil er im Ultraschallbereich liegt. Das Hormon, das die Tiere dabei ausschütten, ist wie bei uns Menschen Dopamin – es erzeugt Glücksgefühle.

Ratten sind eigentlich Allesfresser, was aber nicht heisst, dass sie alles fressen, was ihnen begegnet. Dafür sind sie viel zu schlau. In der freien Natur merken sie am Mundgeruch der Rudelmitglieder, welches Futter geniessbar ist. Wenn nur ein Tier des Rudels das Futter verweigert, frisst der Rest aus Vorsicht nichts davon. Und: Wenn eine Ratte etwas Neues, Unbekanntes zu sich nimmt, warten die anderen 24 Stunden, bis sie es probieren – die Vorwitzige könnte sich vergiftet haben. Stirbt sie, ist dies der Beweis dafür. Eine brutale, aber nachhaltige Strategie, die der Arterhaltung dient.

Ratten spüren Tretminen auf

Neben den domestizierten, zutraulichen Nagern hat Ursula Glatz noch zwei andere Spezies in Obhut: zwei graue Gambias, Riesenhamster-Ratten aus Afrika mit einem Gewicht von zweieinhalb Kilo und einer Länge von neunzig Zentimetern (inklusive Schwanz). Kali und Kito sind Beschlagnahmungen des Veterinäramtes, vermutlich haben ihre ehemaligen Besitzer sie von Deutschland in die Schweiz geschmuggelt, denn hier darf man sie ohne Sondererlaubnis nicht halten. In Afrika braucht man Gambias zum Aufspüren von Tretminen, sie werden mit einem speziellen Training auf den Geruch von TNT spezialisiert.

Der Vorteil der Minenratten: günstig zu haben, hervorragender Geruchssinn, lernfähig und so leicht, dass sie die Minen nicht auslösen. In Gefangenschaft sind sie jedoch höchst problematisch: «Die beiden sind für mich auch heute, nach einem Jahr, noch eine harte Nuss», sagt Ursula Glatz. Das Männchen Kito sitzt irgendwo in der grossen Wildvoliere und glänzt durch Abwesenheit. Und Kali, das Weibchen, packt die Nuss, die Ursula Glatz durchs Gitter hinhält, so rasch und aggressiv mit ihren spitzen Zähnen, dass Glatz die Hand blitzschnell zurückziehen muss. «Er ist scheu, sie beisst». Wilde Grossratten eben, die in einem normalen Privathaushalt nichts zu suchen haben. Dann doch lieber drei kleine Weisse, auch wenn sie nach zwei Jahren sterben.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch