Anspannung, aber auch Demut

Der Alpinismus-Kult blüht, und Ueli Steck klettert wieder. Eine Bergsteiger-Glosse.

Nein, das ist nicht der Bachtel – sondern die Nordwand.

Nein, das ist nicht der Bachtel – sondern die Nordwand.

(Bild: Keystone)

Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Ich stehe in der Wand. Es geht nicht voran, es geht nicht zurück. Mit den Fingerkuppen kralle ich ins Gestein, die Zehen balancieren auf einem schmalen Felsvorsprung. Totale Konzentration. Ich habe Respekt, aber keine Angst. Keiner der grossen Kletterer hat diesen Giganten je bestiegen, weder Edmund Hillary noch Reinhold Messner. Vor mir liegt die letzte Herausforderung des Spitzen-Alpinismus; was Erfolg ist, lege ich fest. Bevor Ueli Steck im Mai über die Everest-Lhotse-Linie joggt, mache ich hier Geschichte. Über mir türmt sich der Traum jedes Bergsteigers, der Bachtel.

Ich stehe in der Wand und denke: Das ist wahres Leben, weit weg von städtischer Dekadenz. Bevor ich mich den schrecklichen Launen der Natur ausgesetzt habe, besorgte ich mir in der Bahnhofstrasse Top-Equipment: Red-Chili-Chalkbag, Red-Chili-Kletterschuhe. Ich stehe in der Wand, zehn Zentimeter unter mir verläuft der schmale Spazierweg hinauf zum Gipfel. Falle ich jetzt herunter, könnte ich mir den Knöchel verstauchen. Anspannung, aber auch Demut. Ich stehe in der Wand und betrachte deshalb eingehend das Stück Stein vor meiner Nase. Welche Geheimnisse es wohl birgt? Ich versuche, den Kopf zu drehen. Ich sehe den Gletscher. Was für ein Anblick. Der Gletscher, der popelweisse Gletscher, der Hodensack-verkrampfende Gletscher. Gefühl der Erhabenheit.

Wo bleibt der Sherpa mit der Sauerstoffflasche, wenn man ihn braucht?

Ich merke, wie die Wirkung des kraftspendenden Energy-Oatsnack-Banane-Schoko-Riegels nachlässt. Dass ich bisher nie in meinem Leben geklettert bin, ist ein limitierender Faktor, der sich je länger je stärker ins Bewusstsein drängt. Ist etwa das Ende nah? Mit einer Hand muss ich kurz nachfassen am harten, unerbittlichen Gestein. Die Sonne glänzt im Gletscher. Toller Effekt. Ich erinnere mich an den Amerikaner, der im 19. Jahrhundert mit einem Sonnenschirm über den Gornergrat schweben wollte. Mir wird schwindlig. Ich blicke nach oben. Wo bleibt der Sherpa mit der Sauerstoffflasche, wenn man ihn braucht?

Ich muss halluzinieren: Der sehnige Sherpa hat sich in einen dicken, gemütlichen Mann mit Hornbrille verwandelt, der auf einem Bänkchen sitzt und Wurst schält. Mich erfasst das Grauen: Das ist sie also, die gefürchtete Höhenkrankheit. Dann trifft mich der Schlag – wahrscheinlich ein schmaler, eckiger Stein. Als ich die Augen wieder öffne, hat sich der Stein in ein Buch verwandelt. Auf dem Titel steht in grossen Lettern: «Lesen statt klettern».

Hugo Loetscher: «Lesen statt klettern. Aufsätze zur literarischen Schweiz». 480 Seiten, 18 Franken. Zürich, 2013.

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