Wie eine leise Naturgewalt

Konzertkritik

Gestern gastierte die kanadische Musikerin Leslie Feist in Zürich - und sorgte im Volkshaus für Verzückung.

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Franziska Kohler@tagesanzeiger

Ganz offensichtlich hatten ihre Fans sehnlichst auf sie gewartet: Das einzige Schweizer Konzert der aktuellen Tour von Feist war schon nach wenigen Tagen restlos ausverkauft gewesen. Wer noch aus zweiter Hand Tickets ergattern wollte, musste tief in die Tasche greifen. Glücklich durfte sich also schätzen, wer es gestern Abend vor die Bühne im Zürcher Volkshaus geschafft hatte.

Leslie Feist, wie die 36-jährige Kanadierin mit vollem Namen heisst, ist zwar eine Garantin für grosse Melodien, nicht aber für grosses Tamtam. Denn das Scheinwerferlicht scheint ihr immer noch, auch fünf Jahre nach ihrem grossen Durchbruch, etwas Angst zu machen. Vielleicht darum hätte gestern beinahe den Auftakt zum Konzert verpasst, wer nicht gut aufgepasst hatte: Unversehens und ohne jegliche Inszenierung huschte Feist auf die Bühne, schnappte sich die Gitarre und begann zu spielen.

Für ihr neues Album habe sie ein Gefühl im Kopf gehabt, sagte Feist in einem Interview mit der «Zeit», «viel Sonne, das Meer, am besten an einem Kliff und auf keinen Fall eine Stadtatmosphäre». Genau so klingt «Metals» auch: nach lauen Sommernächten, aber gleichzeitig auch nach stürmischen Böen, die an den Fensterläden rütteln und die Haare zerzausen.

Und genau das brachte sie mit ihrer Band gestern auf die Bühne: Das Konzert war eine Naturgewalt. Der einzigartigen Stimme von Feist und der Qualität ihrer Songs konnte man sich ebenso wenig entziehen, wie man vor einem Tornado hätte davonrennen können. Schon der erste Song war eine Wucht: «Shadows of the Mountain» begann ruhig, steigerte sich immer weiter und gipfelte in einem stampfenden Finale. Bei «A Commotion» behielten Feist und ihre fünfköpfige Band das schnelle Tempo bei. Mit «Graveyard» und «How Come You Never Go There» kehrte dann die erste Ruhe nach dem Sturm ein.

Meisterin der Gegensätze

Was danach kam, war wie ein Schnelldurchlauf durch alle Jahreszeiten: Mal spielte die Band sommerlich leicht «I Feel it All», dann wieder klang sie wie ein Tag im November, mit dem melancholischen «Caught a Long Wind» oder «So Sorry». Jeder Song sass perfekt, gleichzeitig wirkte nichts einstudiert oder kalkuliert.

Im Konzert zeigte sich auch der Unterschied zwischen dem aktuellen und dem letzten Album. Während die älteren Songs eher warm und luftig klingen, kommen die neueren Stücke schwerer, etwas düsterer, aber auch mit mehr Tiefgang daher. Immer gleich bleibt die glasklare Stimme von Feist: Falsche Töne scheinen in ihrem Kosmos schlicht nicht zu existieren.

Bei anderen Musikern kann eine derartige Perfektion schnell langweilig werden. Nicht so bei Feist, dieser Meisterin der Gegensätze: Während ihre Stimme meistens ein bisschen schüchtern und zurückhaltend über der Musik schwebt, kann sie trotzdem jederzeit richtig losrocken und in die Gitarrensaiten greifen.

Eine Schneise der Verzückung

Ebendiese Gegensätze finden sich nicht nur in ihrer Musik, sondern in der ganzen Person Leslie Feist. Anders lässt es sich nicht erklären, wie sie zwar einerseits Fans und Kritiker rund um die Welt begeistert, andererseits aber nie zu einer richtigen Berühmtheit zu werden scheint. Sie rutscht zwischen den Klatschspalten hindurch, über ihr Privatleben weiss man wenig.

Unnahbar ist sie trotzdem nicht, besonders nicht, wenn sie auf der Bühne steht. So verstand Feist es auch gestern, ihr Publikum mitzureissen und in die Show miteinzubeziehen. Gleichzeitig behält sie sich immer etwas Geheimnisvolles bei, sie ist und bleibt ein «Secret Heart» – dies einer ihrer ersten Songs überhaupt, den sie gestern als Zugabe spielte. Und zwar genau so, wie es ihr offensichtlich am liebsten ist: ohne grelles Scheinwerferlicht, allein auf der Bühne, bewaffnet nur mit ihrer Stimme und der Gitarre. Wie eine richtige Naturgewalt hinterliess sie damit in Zürich zwar keine Schneise der Zerstörung, aber mindestens eine der Verzückung.

baz.ch/Newsnet

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