«Sie wirken attraktiver als Schweizer»

Nichts bereitet Schweizer Jugendlichen so viele Sorgen wie die Integration von Ausländern. Nationalstolz oder Abstiegsangst? Jugendpsychologe Urs Kiener schlüsselt das Phänomen auf.

Die Möglichkeiten, wo sich Jugendliche Gehör verschaffen können, sind rar: Integrationsklasse in Schlieren. (23. Mai 2008)

Die Möglichkeiten, wo sich Jugendliche Gehör verschaffen können, sind rar: Integrationsklasse in Schlieren. (23. Mai 2008)

Philippe Zweifel@delabass

Herr Kiener, woher rühren die Ängste der Jugendlichen? Bei Pro Juventute beobachten wir bei den Jugendlichen ein eher stereotyp aufgebautes Kollektivbild, gleichzeitig findet eine Abgrenzung gegen alles statt, das man nicht selbst ist. Man definiert sich über das, was man nicht ist: Der Schweizer ist kein Franzose und auch kein Deutscher. Negative politische oder wirtschaftliche Meldungen aus dem Ausland verstärken diesen Prozess.

Uns geht es wirtschaftlich gut – sind diese Ängste also irrational? Gerade die ausgezeichnete Wirtschaftslage führt zu einem starken Nationalitätsgefühl, das sich in der Ablehnung von Fremden manifestiert. Die aussereuropäischen Migranten, etwa aus Äthiopien oder Sri Lanka, neigen ausserdem dazu, sich zu isolieren, der Kontakt mit Schweizern wird vermieden – das verstärkt das Konfliktpotenzial. Frühere Migrationsgruppen waren der schweizerischen Kultur näher, und die Integrationshürden waren weniger hoch.

Gibt es in den Schulen mehr Konflikte zwischen ausländischen Schülern und Schweizern? Gerade innereuropäische Migranten aus dem südlichen Raum haben bei Schweizer Mädchen Erfolg. Sie trainieren ihren Körper und wirken attraktiver als viele Schweizer Jungen. Das kann bei Letzteren zu einer Aversion führen. Die zunehmende Jugendgewalt trägt auch zum Konflikt bei – wobei die Aggressoren Ausländer und Schweizer sind. Auch weil unter Jugendlichen Drogen weniger als Blitzableiter für persönliche Probleme konsumiert werden als früher. Nun richtet sich die Gewalt nicht mehr gegen innen, sondern gegen aussen.

Haben die Globalisierung und die Möglichkeit zu reisen keinen positiven Einfluss auf die Jungen? Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Jugendlichen heute wieder sehr konventionell reisen. Sie organisieren ihre Auslandsaufenthalte vermehrt über Reisebüros. Und Reisen erweitert ja nicht zwangsläufig den Horizont, es kann auch Abgrenzung zur Folge haben: So leben wir, so die anderen. Das war bei den 68ern schon so. Damals zelebrierte man in Asien unter der Flagge der Weltoffenheit seine ureigene Lebensweise und profitierte vom Klima oder den günstigen Preisen.

Welche Jugendlichen neigen soziodemografisch gesehen zu Fremdenangst? Irrationale Fremdenangst hat letztlich mit einem schwachen Selbstwertgefühl zu tun. Wenn ein Schüler im Sport oder im Unterricht Bestätigung erhält, fühlt er sich von Fremden weniger bedroht. Je marginalisierter jemand ist, desto mehr neigt er selbst zur Abgrenzung.

Dabei haben bildungsferne Jugendliche am meisten Kontakte mit Ausländern. Das ist ein scheinbarer Widerspruch, aber tatsächlich kommt Fremdenangst in bildungsfernen Schichten öfters vor. Diese Schicht zählt zu den Modernisierungsverlierern. Sie profitieren kaum von Globalisierung und offener Migrationspolitik. Ein Stadt-Land-Graben ist hingegen weniger feststellbar als in unseren Nachbarländern – was wohl an der Schweizer Asylpolitik liegt, die eine ausgewogene landesweite Verteilung von Migranten anstrebt.

Haben Jugendliche, die die Integration von Ausländern skeptisch sehen, konkrete politische Forderungen? Wenn sich diese Skepsis politisch manifestieren würde, wäre das positiv. Man könnte darüber reden. Die Jugendlichen würden ernst genommen. Doch die Möglichkeiten, wo sich Jugendliche Gehör verschaffen können, sind rar. Tatsache ist, dass Jugendparlamente eher Sparmassnahmen zum Opfer fallen, statt dass sie gefördert werden. Ausserdem stellen wir eine zunehmende Reglementierung und Normierung fest. Zum Beispiel werden bereits mehrere Bahnhöfe als Treffpunkt für Jugendliche durch hohe, nur für jugendliche Ohren wahrnehmbare Pfeiftöne unattraktiv gemacht. Soziale Kontakte finden so immer mehr im privaten oder sogar im virtuellen Raum statt.

baz.ch/Newsnet

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