Schluss mit Zigaretten – aber nicht mit Rauchen

Glosse

Nichts gegen höhere Tabaksteuern, aber langsam wird die Rechnung etwas hoch. Was lässt sich dagegen tun?

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Constantin Seibt@ConstSeibt

Rauchen ist eine Sucht – und das macht es empfehlenswert. Denn durch den Suchtcharakter wird Rauchen zur Versicherung gegen das Leben. Egal, was passiert: Die Zigarette erleichtert harte und versüsst schöne Momente, verbessert alle Gespräche und Gedanken und schmälert die Langeweile dazwischen. Nicht umsonst zog der Schriftsteller Robert Musil einst das Fazit: «Ich lebe, um zu rauchen.»

Das gilt allerdings nur, solange die Sucht befriedigbar ist. Und das ist bei Zigaretten immer schwerer. Als Raucher rennt man die Hälfte der Zeit aus Büros, Restaurants, Sitzungen. Hinzu kommt nun der Plan des Bundesrates, die Kosten pro Päckchen Zigaretten schrittweise bis 11 Franken hinaufzuschrauben (TA von gestern).

Schon heute ist eine Zigarette ein paar Gramm Tabak, eingewickelt in eine Steuerrechnung. Mit der Tabaksteuer unterstützt ein durchschnittlicher Raucher die AHV mit 1500 Franken pro Jahr. Und zahlt auch höchst paradoxe Dinge: So fördert er mit 2,6 Rappen pro Päckchen die Rauchprävention wie auch die Schweizer Tabakbauern.

Nichts gegen Steuern, aber langsam wird die Rechnung etwas hoch. Was lässt sich dagegen tun?

Erfreulicherweise hilft die Technik. Die elektronischen Zigaretten sind heute ausgereift – und eine elegante Lösung gleich mehrerer Probleme.

Ein Fetzchen Nebel

Denn die elektronische Zigarette stösst Wasserdampf statt Rauch aus. Dieser bleibt für die Leute rundherum geruchlos, spurlos, gefahrlos. Man raucht nur ein Fetzchen Nebel. Der Geschmack des Nebels aber ist für den Raucher selbst dem einer Zigarette sehr ähnlich: rau, beruhigend, mit einem Hauch Gefahr.

Die wichtigste Folge: Man kann wieder überall rauchen – in Bars, in Sitzungen, im Hotel, sogar in der Flugzeugtoilette (weil kein Rauchmelder reagiert). Der grosse Vorteil der E-Zigarette ist, dass der Benutzer jenes Gefühl zurückgewinnt, für das er einmal zu rauchen begann: den Gleichmut. (Balzac schrieb einst: «Gott hat uns den Tabak gegeben, um unsere Leidenschaften und unsere Schmerzen einzuschläfern.»)

Der erste Nebeneffekt der elektronischen Zigarette ist das Geld: Die Flüssigkeit, mit der die elektronischen Zigaretten betrieben werden, ist gut vier Fünftel billiger als die brennbaren Vorgänger.

Der zweite Nebeneffekt ist, dass man zu rauchen aufhört. Ganz oder fast. Damit dies passiert, braucht die E-Zigarette eine Zutat: Nikotin. Und das ist ihre Schwäche.

Denn die E-Zigarette hat drei mächtige Lobbys gegen sich: Tabak, Pharma und Steueramt. Für alle geht es um ein Multimilliardengeschäft.

Kein Wunder, hat die E-Zigarette kein Glück bei der Zulassung. In der Schweiz wird sie als «Gebrauchsgegenstand mit Schleimhautkontakt» eingestuft. Deshalb darf die verdampfende Flüssigkeit keine pharmakologischen Substanzen enthalten. Also kein Nikotin. Dieses lässt sich zwar einfach in der EU bestellen, doch nun versucht dort das Parlament die E-Zigarette als «Heilmittel» zu registrieren, um sie zu verhindern. Die Gründe der Gegner sind prinzipiell: «Wir brauchen nicht noch ein Suchtmittel.»

Dies, obwohl die E-Zigarette weit weniger gefährlich ist als die Zigarette. Die Mediziner streiten sich noch, ob sie überhaupt gefährlich ist.

Jedenfalls ist sie das Ding von morgen. Überall rauchbar, höflich gegenüber Mitmenschen, trotzdem eine Versicherung gegen das Leben. Und ein kleiner Schlag gegen Tabak, Pharma und Steueramt.

Tages-Anzeiger

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