«Kulturpolitik ist keine Beschäftigungspolitik»

Interview

Pius Knüsel stellte im gestrigen «Spiegel» eine radikale Idee vor: Die Zahl der Kulturinstitutionen soll halbiert werden. Im Gespräch mit baz.ch/Newsnet erklärt der Pro-Helvetia-Direktor seine Vision.

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Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Herr Knüsel, in Ihrem «Spiegel»-Essay, der auf das nächste Woche erscheinende Buch «Der Kulturinfarkt» verweist, regen Sie an, in Deutschland die Hälfte der Theater und Museen zu schliessen, Archive zusammenzulegen und Konzertbühnen zu privatisieren. Weshalb diese Forderung? Das Buch «Der Kulturinfarkt» ist motiviert durch die Spardebatte, die in Deutschland besonders scharf geführt wird. Zu jeder bedrohten Kultureinrichtung heisst es, sie sei «systemrelevant» und eine Schliessung sei mit der Idee des Kulturstaates nicht vereinbar. Wir Autoren finden, das Problem liege viel weniger beim Geld als in einem erstarrten System. Um hier rauszukommen, schlägt das Buch eine Halbierung im Sinne eines Gedankenexperiments vor. Es fordert gar nichts, weil es gar niemanden gibt, an den sich eine solche Forderung richten könnte, da Kultur nicht zentral geplant ist.

Gilt Ihr Vorschlag auch für die Schweiz? Wenn man der Diagnose beipflichtet, dann kann man sie auch auf die Schweiz anwenden. Dabei muss man zwei wichtige Unterschiede beachten: In Deutschland sind die Kultureinrichtungen meistens ein Teil der staatlichen Verwaltung, also viel unbeweglicher als hier. Und zweitens sind in der Schweiz die meisten Subventionen über Volksabstimmungen gesichert; das verleiht ihnen eine andere Legitimität.

Wie kam die Zusammenarbeit mit Ihren Co-Autoren Dieter Haselbach, Armin Klein und Stephan Opitz zustande? Ich wurde von den drei eingeladen, über Grundfragen der Kulturpolitik nachzudenken. Wir begegneten uns oft auf Diskussionspodien in Deutschland. Dass daraus ein Buch würde, war anfangs nicht abzusehen.

Wie sind Sie auf diese radikale Idee gekommen? Wie gesagt, ein Gedankenexperiment! Wir haben keine Berechnungen angestellt, sondern eine Formel gesucht, über die sich einfach diskutieren lässt. Voraus geht eine Analyse, die zu folgenden Schlüssen kommt: Die Kulturbudgets sind zu 95 Prozent an Institutionen gebunden. Neue Formen und Verhaltensweisen haben es viel schwerer als vor zwanzig Jahren, überhaupt wahrgenommen und gefördert zu werden. Kulturförderung ist immer mehr Verwaltung. Über Leitbilder, Subventions- und Leistungsverträge, Kriterien, Förderraster und so weiter wird das kulturelle Schaffen festgeschrieben, gewissermassen in ein System gepresst. Drittens leben wir in Zeiten des Überangebotes. Eine Menge neu gegründeter Institutionen kämpft um dasselbe Publikum, der einzelne Besucher oder Zuschauer wird immer teurer. Viertens erleben wir den digitalen Umbruch, der vielen Menschen ganz andere Formen künstlerischen Produzierens und Erlebens möglich macht und der das Gewicht der Institutionen infrage stellt. Das führt auch dazu, dass die jungen Menschen sich vom subventionierten Kulturangebot abwenden.

Ihr Gedankenexperiment kommt überraschend, bis anhin sind Sie nicht durch derartige Vorstösse aufgefallen. Ein Gesinnungswandel? Überhaupt nicht. Das Buch erhebt keine Forderungen, sondern denkt radikal. Das scheint fruchtbarer für die Diskussion.

Aufgrund welcher Kriterien würde Sie Institutionen schliessen respektive beibehalten? Wir haben bewusst keine Kriterien formuliert, weil es gar nicht um eine gewaltsame Schliessung geht. Was wir wollen, ist eine Diskussion über Rolle und Gewicht der Institutionen, relativ zu anderen Formen kultureller Produktion. Was wir sagen können: Vor anderthalb Generationen gab es grob gesagt nur die Hälfte dessen, was heute existiert. Es herrschte kein kultureller Notstand damals. Und eigentlich wollte man in den 80er-, sogar den 90er-Jahren das unabhängige, also ausserinstitutionelle Kulturschaffen stärker fördern. Dieses Ziel betrachte ich auch heute noch als richtig. Nur ist es aus dem Fokus der Kulturpolitik geraten.

Ihr Kürzungsprogramm würde eine Entlassungswelle im Kultursektor zur Folge haben. Kulturpolitik ist keine Beschäftigungspolitik, sonst müsste sie im Departement für Volkswirtschaft untergebracht sein. Die Beschäftigungseffekte von Kulturförderung sind zwar erwünscht, können aber nicht im Zentrum stehen. Arbeitsplätze zu schaffen, die sich dauerhaft nicht selber finanzieren können, macht beschäftigungspolitisch wenig Sinn.

Sie schreiben, das frei gewordene Geld würde dazu dienen, die überlebende Hälfte der öffentlichen Kulturinfrastruktur «angemessen» auszustatten. Ist das denn zum jetzigen Zeitpunkt nicht der Fall? Im «Kulturinfarkt» schlagen wir keine Kürzungen, sondern Umverteilung vor. Leuchttürme der Kultur werden nicht billiger, das steht ausser Zweifel. Also muss man sie grosszügig finanzieren. Daran führt nichts vorbei. Daneben schlagen wir aber auch eine Stärkung der Laienkultur, also der Basisarbeit, vor sowie eine bessere Ausstattung der Kunsthochschulen, damit sie mit den produzierenden Kultureinrichtungen – Theatern, Museen, Musikbühnen, Radio, Fernsehen et cetera – unter den Bedingungen des realen Lebens zusammenspannen können. Ausserdem plädieren wir für eine gegenwartsbezogene multikulturelle Bildung an den Schulen. Wenn wir schon so viele Menschen aus anderen Kulturen unter uns haben, müssen wir uns ihnen auch lernend zuwenden. Fünftens schliesslich wünschen wir, dass die Politik mit dem Projekt einer Kulturindustrie vorwärtsmacht. Eine Kulturindustrie, die Starthilfe nötig hat, um in Schwung zu kommen, und die sehr nachfrageorientiert produziert und mittelfristig auf eigenen wirtschaftlichen Beinen steht. Jedermann weiss, dass der grösste Teil des Alltagskulturkonsums aus Erzeugnissen der amerikanischen Kulturindustrie besteht. Wieso es bisher keine nennenswerte europäische Kulturindustrie gibt, die auch europäische Werte verbreitet, kann man nur mit der Abneigung der europäischen Eliten gegen Geschmack und Interessen der vielen erklären. Übrigens wäre das eine ziemlich beschäftigungsintensive Sache.

Sie sprechen in Ihrem Essay von «Elfenbeintürmen des europäischen Kultur- und Zukunftsskeptizismus», denen die neuen Produktionszentren gegenübergestellt würden. Wen meinen Sie damit? Wenn es um Kunst geht, darf man in unseren Breitengraden nicht gleichzeitig von Nachfrage reden. Das führt dazu, dass der Kultursektor in sich geschlossen ist. Man könnte sich Kulturparks ähnlich den Technoparks vorstellen, wo Kulturunternehmen grossgezogen werden.

Nicht enthalten in Ihrem Strukturbereinigungsvorschlag ist die Oper. Besteht hier kein Sparpotenzial? Die Grundfragen betreffen alle Formen von Einrichtungen.

Ist Ihr Ansinnen nicht Ausdruck einer gewissen Ängstlichkeit, geben Sie die Vision «Kultur für alle» nicht allzu schnell auf? Immerhin könnte sich die europäische Wirtschaft, deren Niedergang Ihr Programm fest einkalkuliert, auch wieder erholen. Der «Kulturinfarkt» will zeigen, dass die Diskussion um den Geldmangel die viel wichtigere Diskussion verhindert, wohin die Reise gehen soll und was Kulturförderung gewollt, vor allem aber ungewollt, bewirkt. Dazu will ein Buch wie «Der Kulturinfarkt» beitragen. Von Ängstlichkeit keine Spur. Es braucht Mut, sich gegen den Rechtfertigungskonsens zu stemmen, der das kulturelle Feld seit über 20 Jahren beherrscht und der besagt, dass mehr Staat der Kultur in jedem Fall guttut. Am Slogan der «Kultur für alle» lässt sich das gut demonstrieren. Er war nötig und sinnvoll, als er in den 70ern zur Maxime der Kulturpolitik wurde. Doch alle Statistiken – und es gibt viele davon – beweisen, dass Hochkultur die Sache einer Minderheit bleibt. Deshalb muss Kulturpolitik, wenn sie an die ganze Gesellschaft denkt, sich der Frage zuwenden, was denn die vielen interessiert und wie man dort Qualität erzeugt.

baz.ch/Newsnet

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