Konkurrenz für Promis und Raubkatzen

Am Mittwoch eröffnet das Basler Bildrausch-Festival. Es gibt viel zu sehen, und nicht nur die Filme im Wettbewerb «Cutting Edge» sind aussergewöhnlich.

Ein Mann, eine Frau. Und all die Männer und Frauen, die in ihnen verborgen sind zeigt «X & Y».

Ein Mann, eine Frau. Und all die Männer und Frauen, die in ihnen verborgen sind zeigt «X & Y».

Markus Wüest

Das Zurich Film Festival mags gerne gross und pompös. Die klingenden Namen aus Hollywood vor allem sollen als starke Anziehungskraft dienen. Locarno setzt auf Tradition und sorgfältig ausgesuchte Filme. Die Vergabe des Leoparden, des Hauptpreises, wird über die Grenzen der Schweiz zur Kenntnis genommen. Und Basel? Basel hat das Bildrausch-Festival; klein, aber sehr, sehr fein.

Dass es keine Piazza Grande braucht, um Filmschaffende und Filmfreunde zusammenzubringen, beweisen Nicole Reinhard und ihr Team Jahr für Jahr. Herz und Zentrum von Bildrausch ist der Vorplatz des Stadtkinos, etwas versteckt hinter dem Garten der Kunsthalle und den Rändern des Theaterplatzes. Hier treffen sich Regisseure und Produzenten, Filmfans und Filmverleiher. Vor allem wenn die langen Junitage trocken und sommerlich warm sind, ist dieser Ort ideal zum Fachsimpeln, Schwärmen und Kontakte-Knüpfen.

Wie alleweil gliedert sich Bildrausch auch dieses Jahr in drei hauptsächliche Stränge. Der wichtigste ist der Wettbewerb «Cutting Edge». Zwölf Filme aus aller Welt werden in den nächsten Tagen vorgeführt, und einer davon soll am Schluss, also kommenden Sonntag, zum Sieger erkoren werden. Dazu kommen zwei Retrospektiven: einerseits ein eindringlicher Blick auf das Schaffen von Reni Mertens (1918–2000) und Walter Marti (1923–1999), andererseits eine Begegnung mit dem Werk des italienischen Filmemachers Gianfranco Rosi (nicht zu verwechseln mit Francesco Rosi).

Tilda Swintons Tochter

Heben wir aus dem Wettbewerb drei, vier Filme hervor: zum Beispiel «The Souvenir» der Britin Joanna Hogg. Eine faktionale (Mischung von Fakt und Fiktion) Geschichte über eine Filmemacherin, die einen Film machen will, woraus ein Film entstanden ist. Mit Honor Swinton-Byrne, der Tochter von Tilda Swinton, in der Hauptrolle. Ein Film, der darüber nachdenkt, was Erinnerung ist, was Wahrheit, und welche Arten von Wahrheiten es gibt. Am Sundance-Filmfestival im US-Bundesstaat Utah hat Joanna Hogg mit «The Souvenir» jedenfalls geglänzt.

Der türkische Film «Anons» ist ebenfalls Fiktion nahe an der Wahrheit. Es geht um einen Staatsstreich in den 1960er-Jahren und die Besetzung einer Radiostation, denn schliesslich ist ein Umsturz immer nur so gut wie seine mediale Verbreitung. Das galt schon damals, das gilt noch heute. Nicole Reinhard, Direktorin des Stadtkinos und zusammen mit Beat Schneider Leiterin von Bildrausch, spricht von einer «Deadpan-Komödie», einer Mischung aus dem schwarz-trockenem Humor der Coen Brothers und dem Stil von Aki Kaurismäki.

Und schliesslich noch «X & Y». Ein Paarfilm, in dem Mann und Frau nach und nach noch ihre anderen Identitäten zeigen. Zeigen, im wahrsten Sinne des Wortes. Die schwedische Künstlerin und Regisseurin Anne Odell hat für diesen Film einen ganz ungewöhnlichen, schauspielerisch und visuell besonderen Ansatz gefunden. Hinsehen lohnt sich, denn wer von uns trägt nicht mehrere Identitäten in sich?

Nur das noch: «A volta ao mundo quando tinhas 30 anos» aus Portugal verspricht einiges, ebenso wie «Ich war zu Hause, aber» von Angela Schanelec.

Reni Mertens und Walter Marti haben mit ihren eigenwilligen, stets nach neuen Wegen der Darstellung suchenden Filmen in den 60er-Jahren für Furore gesorgt. Mindestens unter den Filminteressierten. Sie haben mit ihrem teils radikal anderen und neuen Kino eine ganze Generation von Filmemachern hierzulande wesentlich beeinflusst. Herausragend – und «zugänglich», wie Nicole Reinhard sagt – ist «Ursula oder das unwerte Leben» aus dem Jahr 1966. Erzählt wird die wahre Geschichte der taubblinden und geistig behinderten Ursula Bodmer. Kein Ruhmesblatt der Schweizer Medizin- und Sozialgeschichte, wie man mit diesem Menschen umsprang. Mertens und Marti haben das dokumentiert und sichtbar gemacht.

Die Retrospektive in Basel und die damit einhergehende Verneigung vor dem Werk der beiden ist vielen ein Grund, selber anwesend zu sein. Erwartet werden unter anderem Fredi M. Murer, Rolf Lyssy, Erich Langjahr ...

Gianfranco Rosi, der Zweite, dem ein besonders intensiver Blick der Organisatoren gilt, ist ein italienischer Filmemacher, Regisseur und Drehbuchautor, der immer wieder ungewöhnliche Geschichten in Filme umsetzt. Er ist bekannt dafür, sich mit seiner Kamera in menschliche Grenzregionen zu begeben; aktuell ins kurdische Grenzgebiet. Gezeigt werden fünf Filme von ihm.

Peter-Jackson-Film

Als Premiere wird am Sonntag in der Schweiz erstmals «They Shall Not Grow Old» gezeigt werden. Die filmische Bearbeitung von Originalfilmmaterial aus dem Ersten Weltkrieg durch Peter Jackson. Das ist eines der sogenannten Specials. (Wir werden mehr darüber berichten.)

Erstmals vergeben wird dieses Jahr der Peter-Liechti-Preis für ein besonders mutiges Werk. Da soll laut Reinhard der Grundgedanke hinter dem Werk, der Ansatz, im Vordergrund stehen. Spannend zu sehen, wer diesen Preis zum ersten Mal überhaupt wird entgegennehmen dürfen. 

Filmfestival Bildrausch, Mittwoch bis Sonntag. Hauptsächliche Spielorte: Stadtkino und Kino Atelier. Dazu «Satelliten» und Nebenschauplätze. Das ganze Programm online:www.bildrausch-basel.ch

Basler Zeitung

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