Gralshüters Abgang

Ende Jahr geht Martin Meyer als Feuilletonchef der NZZ. Sein Nachfolger René Scheu dürfte schneller bei der Hand sein, wenn es darum geht, in die grossen Debatten einzugreifen

Wo die NZZ NZZ blieb: Martin Meyer macht ein Feuilleton, das sich bewusst sperrig und elitär gibt

Wo die NZZ NZZ blieb: Martin Meyer macht ein Feuilleton, das sich bewusst sperrig und elitär gibt

(Bild: Elena Monti)

Im Juli 2012 sass ich Doktor Martin Meyer gegenüber, in seinem Büro an der Zürcher Falkenstrasse. Das Gefühl der Behaglichkeit, das sich zwischen Bücherregalen und Parkettboden sonst kaum vermeiden lässt, wollte sich hier nicht einstellen. Meyer, der Feuilletonchef der «Neuen Zürcher Zeitung», war ein ungemütlicher Zeitgenosse, wenigstens an diesem Sommernachmittag. Den Berufsanfänger, der ihm da gegenübersass, galt es kritisch zu mustern und abzuwiegen. Eher einsilbig fielen Meyers Antworten aus, wenn ich ihn nach dem Wesen seines Feuilletons befragte, ein wenig abweisender noch, wenn es um seine Person ging.

Ein Missverständnis wollte Meyer ausgeräumt wissen: dass sein Kulturteil ein unpolitischer sei. Wer die NZZ ­aufmerksam liest, weiss, dass er damit nicht unrecht hatte. Doch seiner Bemühung, die Deutungshoheit über das eigene Produkt zu erringen, war kein Erfolg beschieden: «Jetzt aber: Politisches Feuilleton», kommentierte der Branchendienst «Medienwoche» dieser Tage mit einem Anflug von Euphorie, nachdem bekannt geworden war, dass Meyer (63) per Ende Jahr in den Ruhestand tritt und durch René Scheu (41) ersetzt wird, den bisherigen Chefredaktor des Magazins «Schweizer Monat».

Eher «New York Review» als FAZ

Das Vorurteil vom unpolitischen Feuilleton hat seinen Ursprung wohl darin, dass Meyer und seine Ressortkollegen die Teilnahme an den grossen Debatten, die ihre deutschen Kollegen absorbierten, oft verweigerten. ­

Tatsächlich gleicht das NZZ-Feuilleton weniger der «Frankfurter Allgemeinen» als vielmehr der «New York Review of Books», jener US-Wochenschrift, die ihre Leser auch schon einmal mit einer dreiseitigen Abhandlung darüber traktiert, wie sich das Dorfleben in der chinesischen Mandschurei seit den Reformen Deng Xiaopings gewandelt hat. Manchmal ist diese Art von Journalismus für den Leser nur anstrengend, manchmal aber auch beglückend, weswegen man froh ist, dass es das gibt, auch wenn man nicht immer alles liest.

Deutscher und schweizerischer?

Unter Scheu könnte das NZZ-Feuilleton gleichzeitig deutscher und schweizerischer werden: Deutscher in dem Sinne, dass Scheu die Disziplin Feuilleton eher als Kampfsportart begreifen wird; schweizerischer, weil der neue Ressortleiter auch weniger davor zurückschrecken könnte, in nationale Debatten einzugreifen.

Ob ich den Wechsel von Meyer zu Scheu gut finde, weiss ich nicht. Meyer, so schien es zumindest nach aussen, war auch so etwas wie ein Gralshüter, in dessen Reich die NZZ NZZ blieb: sperrig, elitär, ein wenig exzentrisch auch. Bei der letzten Layoutreform sorgte er dafür, dass sein Ressort als einziges weiterhin vierspaltig erschien. Ob dies auch die nächste Umgestaltung überstehen wird, bei der alles dem in der Branche herrschenden «Zeit»-Geist entsprechend luftiger werden soll, bleibt abzuwarten. Äusserlichkeiten sollte man nicht unterschätzen.

Basler Zeitung

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