«Es wäre ein provokativer Gag»

Jacques Pilet über den möglichen Verkauf von «Le Temps» an Christoph Blocher.

«Wir sollten uns ein eigenes Bild machen.»: Jacques Pilet wünscht sich von Journalisten mehr Eigeninitiative.

«Wir sollten uns ein eigenes Bild machen.»: Jacques Pilet wünscht sich von Journalisten mehr Eigeninitiative.

(Bild: Keystone Salvatore di Nolfi)

Herr Pilet, schon in diesen Tagen könnte sich entscheiden, wer bei «Le Temps» den Zuschlag bekommt. Wie wahrscheinlich ist es, dass Ringier und Tamedia an Christoph Blocher und Tito Tettamanti verkaufen?
Die Wahrscheinlichkeit liegt nahe bei null.

Warum?
Weil der Verkäufer noch immer das Recht hat, zu entscheiden, an wen er verkauft. Voilà. Ich denke, ich habe mich genügend klar ausgedrückt.

Was, wenn es doch dazu kommt?
Wir würden uns wohl nicht einmal mehr ärgern, wir würden wohl nur noch lachen. Es wäre ein Gag, wenn auch ein provokativer.

Wie würden Sie reagieren? Der von Ihnen gegründete «Nouveau Quotidien» ist eine Vorgängerzeitung von «Le Temps» und Christoph Blocher war damals Ihr grösster Widersacher.
Ich würde wohl noch etwas lauter ­lachen als die anderen. Im Ernst: «Le Temps» braucht einen seriösen und vertrauenswürdigen Verleger, der ­bereit ist, die Zeitung auf lange Sicht zu begleiten. Die Zeitung darf nicht zum Spielball werden.

Was, wenn Tamedia «Le Temps» übernimmt? Bereits heute lesen zwei von drei Romands eine Tageszeitung, die von Tamedia herausgegeben wird.
Die Abhängigkeit von Tamedia ist in der Tat ein Problem. Die Romandie bräuchte mehr Vielfalt. Zudem gibt es einen Mangel an Kenntnis des Terrains. Pietro Supino ist in Zürich, nicht in Lausanne. Trotzdem, ich ­werde mich hüten, hier Tamedia den Prozess zu machen.

Warum?
Tamedia ist ein professioneller Ver­leger, der seine Journalisten ihre ­Arbeit machen lässt. Ich bin auch, ­anders als andere Berufskollegen, nicht der Meinung, dass Tamedia überzogene Renditevorstellungen hat. Wir sind Teil der Wirtschaft und da muss man Gewinne machen. Tamedia hat damals sehr viel Geld für Edipresse bezahlt. Es ist normal, dass der Verlag jetzt auch etwas damit verdienen will. Journalisten neigen dazu, die Fehler nur bei den Verlegern zu suchen. Sie sollten sich aber auch über sich selbst Gedanken machen.

Welche?
Wir sollten uns fragen, ob wir unser Handwerk noch richtig verstehen. Sind wir noch auf der Höhe? Sind wir noch in der Lage, zu überraschen? Ich bin mir da nicht so sicher.

Warum?
Wir sind oft zu nahe bei den politisch Verantwortlichen. Wir haben angefangen, die gleiche Sprache zu sprechen wie sie. Die Politik hat die ­Medien vollständig in Beschlag genommen. Wir verhalten uns wie Bahnhofvorsteher.

Wie meinen Sie das?
Wir fragen X und Y und wir schreiben, was sie sagen. Wir fragen Meinungen ab, so wie der Bahnhofvorsteher Züge durchwinkt. Damit machen wir zwar niemanden mehr wütend, aber wir begeistern auch keinen mehr. Ich kaufe keine Zeitung, weil ich wissen will, was SP-Parteipräsident Chris­tian Levrat zum Ergebnis der Abstimmung über 1:12 sagt, und ich muss auch nicht wissen, wie sich Bundes­rätin Doris Leuthard nach dem Nein zur Vignette fühlt.

Was ist zu tun?
Wir müssen wieder selbst nach­denken, wir müssen versuchen, uns wieder ein eigenes Bild zu machen. Stattdessen rufen wir Spezialisten an, mit Vorliebe Politologen. Als ob der Politologe über eine Art Super­intelligenz verfügen würde, als ob er etwas wüsste, worauf ein guter Journalist nicht selbst kommen würde, wenn er ein paar Minuten nach­denken würde. Das kommt einer ­Demission gleich. Die Journalisten sind daran, sich selbst von ihrem Beruf zu verabschieden. Wir sind daran, uns selbst überflüssig zu machen und wir bezahlen sehr teuer dafür. Wir sind Routiniers geworden.

Hat der Journalismus eine Zukunft?
Unbedingt. Dem intelligenten, stimulierenden, vorausschauenden Journalismus steht eine glänzende Zukunft bevor. Wir müssen den Dingen wieder auf den Grund gehen, gesellschaftliche Themen erkennen, bevor sie in der Politik ankommen.

Zum Beispiel?
Die Revolte gegen die Managerlöhne. Wo waren da die Journalisten? ­Nirgends. Stattdessen haben sie ­schöne Artikel über die fantas­tischen Resul­tate von Marcel Ospel und von Daniel Vasella geschrieben. Die irren Saläre, das war kein Thema, das von den Zeitungen lanciert ­wurde. Die Zeitungen stiegen erst ein, als sich alle das Maul verrissen.

Wo sind die Debatten in den Medien?
Es gibt Debatten. Die Frage ist, ob sie weiterführen. Oft bleibt es bei der Konfrontation. Man lässt Oskar Freysinger und Christian Levrat aufeinander los. Das knallt zwar und das ist vielleicht auch amüsant, aber bringt es auch was? Ich glaube nicht. ­De­batte bedingt die Bereitschaft, sich auf den anderen und seine Argu­mente einzulassen.

War das beim EWR anders?
Ich denke, ja. Die Debatte führte weit über die technische Frage des EWR-Beitritts hinaus. Es ging um unterschiedliche Visionen von der Schweiz, um Fragen der Identität. Es war toll.

Wie ist es heute?
Heute lese ich vor allem, wie gut es uns geht und wie schlecht es Europa geht. Wir sind grossartig und um uns herum gibt es 500 Millionen Euro­päer, die Nullen sind. Die Schweiz, der ultimative Traum eines jeden Menschen: Ich glaube nicht, dass das psychologisch eine gute Haltung ist, um die Zukunft anzupacken.

Was fehlt bei der Auseinandersetzung mit Europa?
Das Gefühl für die Realitäten. Unsere Zukunft hängt von Europa und von der Europäischen Union ab, ob uns das nun passt oder nicht. Wenn es ­Europa schlecht geht, dann kann es uns nicht gut gehen. Das ist eine Illusion. Ein Europa ohne europäische Union: Dazu würde ich gerne einmal einen Artikel lesen. Ein Europa, das wieder im Nationalismus versinkt, in dem die Nationen wieder gegen­einander intrigieren. Nicht dass ich das für ein wahrscheinliches Szenario halte, aber die Gefahr existiert. Die ersten Anzeichen sind bereits da. Die Spanier und die Briten liegen sich bereits wegen Gibraltar in den Haaren.

Was sagen Sie zu «den Schweizern»?
Jedes Volk hat ein Bedürfnis nach ­Mythologien. Aber man muss aufpassen, dass man nicht zum Gefangenen seiner Geschichte wird. Ich sage nicht, dass man irgendwelche fürchterlichen Dinge aus der Vergangenheit ans Tageslicht ziehen soll.

Aber?
Ich stelle mir zum Beispiel vor, dass die Schweizer Regierung einmal den Tausenden von amerikanischen und den Millionen von sowjetischen ­Soldaten dankt, die während des Zweiten Weltkriegs beim Kampf gegen den Nationalsozialismus gefallen sind. Denn sie sind auch für uns gestorben. Ich habe nichts dagegen, dass man sich an General Guisan erinnert. Aber wenn die Schweiz dem Horror des Zweiten Weltkriegs entkommen ist, dann war das nicht nur deshalb, weil sie General Guisan und eine Armee hatte, sondern auch, weil andere für uns das Leben gelassen haben. Ich wünschte mir, dass die Schweiz dafür einfach einmal ­«Danke» sagen würde.

Basler Zeitung

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