«Die Emanzipation ist für Männer eine Heidenarbeit»

Die «Männerzeitung» feiert diese Woche ihr 10-jähriges Bestehen. Chefredaktor Ivo Knill über Machos und die männliche Hemmung, sich gegen die Wünsche der Frau zu stellen.

«Es geht nicht darum, Männer als Opfer darzustellen»: Ivo Knill von der «Männerzeitung».

«Es geht nicht darum, Männer als Opfer darzustellen»: Ivo Knill von der «Männerzeitung».

(Bild: Andreas von Gunten)

Bettina Weber@sonntagszeitung

Ist Ihre «Männerzeitung» das Pendant zu Alice Schwarzers «Emma»?
Nein. Wir sind kein politisches Kampfblatt und würden uns keinen Gefallen tun, wenn wir uns auf den Standpunkt stellten, der Mann sei benachteiligt. Natürlich haben wir Anliegen: Dass die Situation der Männer bei Scheidungen verbessert wird, dass es einen Elternurlaub gibt und dass mehr Männer in der Schule präsent sind. Aber die Männerbewegung in der Schweiz, die es seit den Siebziger- und Achtzigerjahren gibt, hat sich immer als Parallele zur Frauenbewegung verstanden und diese Anliegen mitgetragen. Obschon es schon grundsätzliche Unterschiede gibt.

Konkret?
Die Männerbewegung war eine sehr kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle in einer Gesellschaft, die man als patriarchal erkannt hat. Es ging darum, aus diesem scheinbaren Privileg herauszukommen und andere Lebensentwürfe zu leben. Es ging um Selbstreflexion, nicht um politische Aktionen.

Waren die Männer deshalb so lange passiv?
Früher durften sich die Männer automatisch als Mehrheit fühlen, fast überall. Aber seitdem im Bundesrat eine weibliche Mehrheit zu finden ist, merken die Männer: Diese Zeiten sind vorbei. Wir müssen uns als Geschlecht Gehör verschaffen, wenn uns was nicht passt, wobei es nicht darum geht, Männer als Opfer darzustellen. Männer kritisieren feministische Sprachregelungen oder die Behandlung bei Scheidungen – aber sie organisieren sich nicht. Nur wenige abonnieren die «Männerzeitung» oder werden Mitglied bei Männer.ch.

Vielleicht, weil man dabei an Softies denkt, die am liebsten das Gebären übernehmen möchten?
Ist es unmännlich, einen Kinderwagen zu stossen? Ich finde ganz und gar nicht. Ein richtiger Mann nimmt sich Zeit für seine Kinder. Ich finde vielmehr jene Männer komisch, die sich lieber ins Büro flüchten, anstatt mit ihren Kindern im Wald eine Wurst zu bräteln. Aber ja, wir versuchen mit der Zeitung, vom softiemässigen Image wegzukommen.

Es ist also kein Zufall, dass die aktuelle Nummer «Macho» heisst?
Genau. Wir kritisieren, dass das Männerbild heute oft negativ besetzt ist, dass man schon kleinen Buben gewisse Verhaltensweisen abtrainieren will. Buben sind aber nun mal ein wenig aggressiver, wollen sich mehr messen, und das ist gut so. Man kommt im Leben nicht weiter, wenn man nur ein Lieber ist, auch Buben müssen sich durchsetzen können.

Heute kuschen die Männer vor den Frauen?
Es gibt tatsächlich so etwas wie eine männliche Hemmung, sich gegen die Wünsche der Frau zu stellen. Gerade bei Themen, bei denen Männer nicht so gut mitreden können, etwa bei einer Schwangerschaft. Wenn er das Kind behalten will, heisst es, er setze sie unter Druck, wenn er es nicht will, ebenfalls. Deshalb sind Männer schnell bereit, den Entscheid ihrer Frauen zu akzeptieren. Und deren Hemmung ist viel kleiner. Die haben gelernt, dass es gut ist, wenn sie sich durchsetzen und ihre Bedürfnisse sehr dezidiert formulieren.

Dennoch haben die Männer auch von der Emanzipation profitiert.
Oh nein, das stimmt eben nicht.

Sie hat etwa dazu geführt, dass nicht mehr der ganze finanzielle Druck auf ihren Schultern lastet.
Nein! Die Emanzipation ist für Frauen ein Gewinn, für Männer aber eine Heidenarbeit, und wir schuften hart dafür. Ich habe mir vor unserem Gespräch nochmals die Statistiken angeschaut: 1997 hat ein Vater von zwei Kindern 24 Stunden pro Woche im Haushalt und bei der Kinderbetreuung mitgearbeitet. Heute sind es 31,7 Stunden, also 7 Stunden mehr. Gleichzeitig hat sich die Erwerbsarbeit der Frauen nur gerade um 2 Stunden gesteigert, bei den Männern kommt aber sogar noch ein Plus von 0,2 Stunden dazu. Das heisst: Die Männer kümmern sich zwar mehr um Familie und Haushalt, arbeiten aber nicht weniger – für sie hat sich die Belastung addiert. Während die Frauen offenbar noch nicht bereit sind, mehr arbeiten zu gehen, haben die Männer einen riesigen Tatbeweis vollbracht. Aber es ist ihnen nicht gelungen, sich aus der bestehenden Ernährerrolle herauszulösen.

Liegt es nicht daran, dass sich Männer immer noch in dieser Rolle gefallen?
Es ist oft nicht eindeutig, woran es liegt, dass er weiterhin 100 Prozent arbeitet, wenn Kinder kommen, und sie aufhört. Man kennt aber aus Studien ein Phänomen: Beruflich erfolgreiche Frauen, die zuerst Karriere machen im Beruf, widmen sich, sobald sie Mutter geworden sind, mit demselben Perfektionsdrang den Kindern. Und können sich absolut nicht vorstellen, Teilzeit zu arbeiten. Die betrachten das als emanzipierte Wahlmöglichkeit und sagen: Ich entscheide mich aus freien Stücken dazu.

Das könnte ein Mann ebenfalls tun.
Für einen Mann ist es eine sehr unsichere Investition, daheimzubleiben oder Teilzeit zu arbeiten. Er verzichtet auf einen beruflichen Aufstieg und auf Sicherheit, kommt es zu einer Scheidung, verliert er in doppelter Hinsicht: Er ist in seinem Beruf nicht da, wo er sein könnte, und in der Regel wird er auch die Kinder verlieren, weil sie der Mutter zugesprochen werden.

Das ist doch nachvollziehbar: Wenn der Vater immer 100 Prozent gearbeitet hat und die Mutter nicht, dann bleibt nach der Scheidung alles beim Alten.
Ich finde das überhaupt nicht nachvollziehbar. Wenn ein System in eine Krise gerät, müssten doch alle Beteiligten die Möglichkeit haben, sich neu zu organisieren. Es ist zynisch, wenn man sagt, der Vater sei immer weg gewesen und müsse nun halt den Preis dafür bezahlen, wenn er nebst seinem 100-Prozent-Pensum 30 Stunden pro Woche daheim gewesen ist und sich den Kindern gewidmet hat. Wenn wir Gleichberechtigung wollen, dann sollte die auch bei einer Scheidung gelten.

Gehen deshalb 80 Prozent derScheidungen von Frauen aus? Weil sie weniger zu verlieren haben?
Ja klar, für einen Mann ist eine Scheidung fast immer ein Verlust. Wenn nicht gerade die berühmte jüngere Frau bereitsteht, was selten der Fall ist, dann ist für den Mann klar, dass er sein Zuhause verliert. Scheidung heisst, ich muss weg von dort, wo ich jetzt wohne, weg von meinen Kindern. Das ist für viele Männer ein Preis, den sie nicht bezahlen wollen.

Tages-Anzeiger

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt