Der sexistische Fussgängerstreifen

Die Stadt Bern will «geschlechtergerechter formulieren». Wörter wie «Fussgängerstreifen», «Mannschaft» und «Mitarbeitergespräch» sollen verschwinden. Wann kommt der Bärinnengraben?

Geschlechtsneutral formulieren: Zebra-, nicht Fussgangerstreifen, bitte sehr.

Geschlechtsneutral formulieren: Zebra-, nicht Fussgangerstreifen, bitte sehr.

(Bild: Keystone)

Daniel Foppa@DFoppa

Soll noch jemand sagen, Bern sei langsam und rückständig. Das Vorurteil ist unhaltbar, hält man sich die wertvolle Pionierarbeit auf dem Gebiet der Soziolinguistik vor Augen, die an der Aare geleistet wird. Gestern veröffentlichte die Stadtberner Fachstelle für die Gleichstellung von Frau und Mann einen neuen Sprachleitfaden. Er ist für die Stadtverwaltung verbindlich und soll ihr das «geschlechtergerechte Formulieren» nahebringen.

Maskulin kontaminiert

Das amtliche Dokument schreibt zum Beispiel vor, das Wort «Fussgängerstreifen» dürfe nicht mehr gebraucht werden. Vielmehr sei das geschlechtsneutrale «Zebrastreifen» zu verwenden. Ebenso ist das maskulin kontaminierte «kundengerecht» verpönt. Neu heisst es in Bern: «Entspricht den Wünschen der Kundschaft». Wer weiterhin von einem «benutzerfreundlichen» Gerät spricht, unterstreicht seine Rückständigkeit. Sprachlich korrekt ist etwas «einfach zu bedienen». Selbstredend wird die «Mannschaft» durch das «Team» ersetzt, das «Mitarbeitergespräch» in «Beurteilungsgespräch» umbenannt, und das «Benutzerhandbuch» heisst neu «Manual».

Was sich nach sprachlicher Umerziehung à la Nordkorea anhört, ist offensichtlich ernst gemeint. «Denken Sie beim Schreiben von Anfang an immer an Frauen und Männer», wird den Stadtangestellten eingetrichtert. Damit nicht genug: «Vergessen Sie auch beim Reden nicht, dass Sie Männer und Frauen vor sich haben oder über Frauen und Männer sprechen.»

«Kindlifresserin»

Glücklich die Stadt, die ihre Angestellten derart umsorgt und in Denken und Ausdruck zu leuchtenden Vorbildern erziehen will. Wir warten nun, bis sich die offensichtlich unterbeschäftigte Fachstelle Berns Sehenswürdigkeiten vorknüpft und in «Kindlifresserin-Brunnen», «Bärinnengraben» und dergleichen mehr umtauft. Und bis schliesslich jemand die Schnauze voll hat von solch höherem Blödsinn und den Leitfaden dorthin bringt, wo er hingehört – in die reissfreudigen Tatzen des Berner Wappentiers.

Was halten Sie von der «geschlechtergerechten Formulierung»? Kennen Sie weitere Beispiele wie der «Bärinnengraben», bei sich der Berner Sprachleitfaden ad absurdum führt? Kommentare bitte unten anbringen.

Tages-Anzeiger

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