Die neuen Heroen der Mundartmusik

Das Berner Rap-Duo Lo & Leduc zieht zum Auftakt des «Im Fluss»-Festivals die Massen an. «079» war der Höhe- aber nicht der Schlusspunkt des unterhaltsamen Konzerts.

Fast kein Durchkommen mehr am Kleinbasler Rheinbord. Foto: Nicole Pont

Fast kein Durchkommen mehr am Kleinbasler Rheinbord. Foto: Nicole Pont

Eine Viertelstunde bevor Lo & Leduc die 20. Floss-Saison 2019 eröffnen, präsentiert sich das Trottoir auf der Rheinbrücke als dichte Menschentraube. Ein deutliches Anzeichen dafür, dass sich die Zuschauerinnen und Zuschauer auf den Festivalbeginn und insbesondere auf den Auftritt der beiden Berner vorfreuen. Mit dem Ergebnis, dass am Oberen Rheinweg – auf der Höhe der Bühne – fast kein Durchkommen mehr ist. Minutenlang kann man sich weder vor- noch zurückbewegen.

Sehnsüchtige Stimmen

Derweil brandet Applaus auf und die ersten Takte von «Bini bi dir» sind zu vernehmen. «Du bisch vilech furt, aber aues schmöckt nach dir», singt das Duo mit sehnsüchtigen Stimmen und lässt sich dabei von den betont flockigen Rhythmen der Bandkollegen tragen. Die entspannte Musik scheint dazu beizutragen, dass wieder minimale Bewegung in die stockende Menge kommt. Ob es bei «Im Fluss» wohl schon mal so dicht zu- und hergegangen ist? Fakt ist, der Publikumsaufmarsch ist überwältigend. So sehr, dass sich der eine oder andere lauthals wünscht, es möge doch tunlichst keine Panik ausbrechen.

Wer mehr als hundert Meter von der Bühne entfernt steht, hört keine Musik mehr, sondern einen dumpfen Soundbrei. Doch das stört die Anwesenden nicht weiter. Obschon sie an diesem Montagabend gekommen sein dürften, um den Erfolgsliedern von Lorenz Häberli und Luc Oggier alias Lo & Leduc zu lauschen, zeigen sie sich auch zufrieden damit, Party zu feiern und mit Freunden zu plaudern. Der Wurstverkäufer nahe der Bühne ist arbeitslos. Nicht, weil kein Interesse an seinen Produkten bestünde, sondern weil sich niemand bis zu ihm vorkämpfen kann. Also steht er mit verschränkten Armen hinter seinem Stand und wippt schicksalsergeben mit dem Gespielten mit.

Maximale Eingängigkeit

Mitten in ihrem 90-minütigen Set konstatieren auch Lo & Leduc, dass sich «megavil Lüüt» am Rheinbord befinden. Mit «All di Büecher» kredenzen sie eins ihrer früheren Stücke – die Fans haben dessen Text verinnerlicht und schmettern den Refrain aus voller Kehle. Dabei wird offensichtlich, dass die beiden Künstler mit ihrer auf maximale Eingängigkeit getrimmten Mischung aus Pop und Rap den Nerv der Zeit treffen. Ihre Dialektlieder haben durchaus ein bisschen Tiefgang, aber nicht zu viel, schliesslich sollen sie massentauglich wirken und nicht über den Mainstream hinausschwappen.

Die Band, zu der auch drei Bläser gehören, stattet die Hauptprotagonisten mit einem Bett aus linden Grooves, Latin-Einwürfen, Afrobeats und Hip-Hop aus. Was die beiden dazu nutzen, sich als die neuen Heroen des Schweizer Mundartpops zu inszenieren. Als sie ihren grossen Hit «079» anstimmen, sind ringsum nur noch strahlende Gesichter zu entdecken. Dass SP-Politikerin Tamara Funiciello den Song vor einem Jahr als sexistisch gebrandmarkt hat, kratzt hier keinen. Lieber schwelgt und schwoft man. Was verdeutlicht, dass «079», obwohl umstritten, das Zeug zum Klassiker hat.

Zeitlimite ausgereizt

Als die Liveversion der sechsfach mit Platin ausgezeichneten Single verklingt, machen sich die ersten auf den Heimweg. Sie haben gehört, weswegen sie gekommen sind. Doch Lo & Leduc wollen das Floss noch nicht verlassen und verkünden, die 22-Uhr-Limite ausreizen zu wollen. Sie bitten die Anwesenden, ihre Handys zu schwenken und setzen erst zum von Synthesizerklängen durchwobenen «Matilda» an, dann zum aufgedrehten «Jung verdammt».

Den Schlusspunkt bildet «Online», das mit schneidendem Gitarren-Intro beginnt, aber rasch in Richtung Reggae abdreht. Wie es sich gehört, verabschieden sich Lo & Leduc mit einem grossen Merci – und dem Wunsch «gebet euch Sorg». Keine Frage, das Publikum zeigt sich ob der Show entzückt. So sehr, dass das grenzwertige Gedränge nach Konzertende rasch wieder vergessen ist.

Basler Zeitung

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