Die grosse Herzensstärke des Markus Ramseier

Markus Ramseier war auch einer dieser Schriftsteller, die hauptsächlich Herz und Seele und weniger den Kopf beim Schreiben suchen.

Der Schriftsteller Markus Ramseier verstarb am 21. Juli 2019.

Der Schriftsteller Markus Ramseier verstarb am 21. Juli 2019.

(Bild: Florian Bärtschiger)

Patrick Tschan

Kennen gelernt habe ich Markus Ramseier in der Garderobe des ältesten Stadions Österreichs, des Wiener-Sport-Club-Platzes. Die Schweizer Schriftsteller-Nationalmannschaft trug dort am 21. September 2006 ihr erstes Länderspiel aus.

Es war ein zusammengewürfelter Haufen, keiner kannte die fussballerischen Fähigkeiten des anderen. Von manchen wusste man, dass sie kicken konnten, von anderen nicht. Von Markus Ramseier wusste man, dass er laufen konnte, weit, lang und mit viel Schnauf. So lastete viel Hoffnung auf seinen Schultern, den österreichischen linken Flügel zu bändigen.

Völlig ausgepumpt

In der Pause sass ein völlig ausgepumpter Ramseier auf der Holzbank, japste nach Luft und gab für die zweite Halbzeit Forfait. Er könne nicht mehr. Jeder 100-Kilometer-Lauf sei ein Klacks gegen das. Dieses Kurz-und-schnell, das Tempo meist noch von einem anderen diktiert, war nicht sein Ding. Ramseier lief seinen Lauf, sein Tempo.

Ich sass wenige Male am Tisch mit Markus Ramseier, aber die wenigen Male fanden wir ohne Aufwärmen stets das unverstellte Gespräch. Markus Ramseier war auch einer dieser Schriftsteller, die hauptsächlich Herz und Seele und weniger den Kopf beim Schreiben suchen. Mehr Menschlichkeit, mehr charakterliche Eigenheiten der Figuren ist der Gewinn.Ich denke, seine Flurnamenforschung, diese akribische Geschichtswissenschaft auf kleinstem Raum, dieses Nachgehen sprachlicher Veränderungen über Jahrtausende, hatte sehr grossen Einfluss auf sein schriftstellerisches Werk. So schrieb er doch einst: «Wie ein Mensch wird nämlich auch eine Flur mit einem Namen zu einer Art Persönlichkeit – und damit un­verwechselbar.»

Eine Arbeit, die erdrücken kann

Wer die Herkunft 53000 «lebender und abgegangener» Flurnamen entlang des Bodens menschlicher Geschichte erforscht, braucht einen langen Schnauf. Eine Arbeit, die erdrücken kann. Auf deren Abschluss Ramseier auch plangte. Eine Arbeit, die Langmut erfordert. Langmut mit den sprachlichen Ausgrabungen dieser jahrtausendealten Prozesse von Besiedlung, Nutzung und Gestaltung.

Eine Langmut, die Markus Ramseier in grosse Herzensstärke umzu­wandeln wusste. Eine Herzensstärke, die, gopferdammi, Ramseier, unsan allen Ecken und Enden fehlen wird.

Basler Zeitung

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